Dollar am Morgen Märkte

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren…

von Joachim Goldberg am 17. April 2020

EUR USD (1,0870)             Mehr als 22 Millionen Erstanträge auf US-Arbeitslosenhilfe in vier Wochen – das klingt dramatisch und ist vor allem schlimm für die Betroffenen. Und wenn Kommentatoren daraus auf eine Arbeitslosenquote von 17 Prozent in den USA schließen, mag einem das eine Vorstellung geben, wie beängstigend derzeit die ökonomische Lage ist. Aber tatsächlich scheint es kaum jemanden mehr zu interessieren, ob diese Daten jetzt besser oder schlechter als von den Ökonomen erwartet ausgefallen sind.

 

… der Schlüssel sind

Im Grunde haben diese Prognosen genau genommen ohnehin nur den Wert eines psychologischen Ankers. Aber soll man allein auf der Basis dessen, ob Prognosebänder und Median-Schätzungen im Guten oder im Schlechten verfehlt wurden, Finanzmarktentscheidungen treffen und womöglich gestern oder vorgestern in großem Stil Aktien verkaufen? Als ob der wesentliche Unterschied bei einer Differenz zwischen 5 oder 6 Millionen Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe in einer Woche darin bestünde, ob dieses Datum besser oder schlechter als von Experten erwartet ausgefallen ist. Den Unterschied kennen allenfalls die Millionen Menschen, die es betrifft.

Ein Kommentator brachte es gestern auf dem Punkt, indem er erklärte, es sei ebenso rational wie irrational, die schwachen ökonomischen Daten, die bereits publiziert sind oder uns noch kurzfristig erwarten, einfach links liegen zu lassen. Weil doch jeder – stark vereinfacht ausgedrückt – schon im Voraus wisse, dass die Arbeitslosigkeit global steigen und die Einzelhandelsumsätze deutlich fallen werden.

 

Eine Welt voller Kontrolldefizite

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass wir hinsichtlich ökonomischer Daten in einer Welt von Kontrolldefiziten leben müssen. Weil die ökonomischen Entwicklungen in erster Linie von der weiteren Entwicklung der COVID19-Pandemie abhängen werden, ist es zwar verständlich, wenn Ökonomen oder auch Kommentatoren diesbezüglich Prognoseversuche unternehmen. So mag in manchen Ökonomen auch gleichzeitig ein Virologe stecken. Obwohl die meisten Finanzmarktteilnehmer wissen, dass derartige Bemühungen ziemlich sinnlos sind, erwarten viele von ihnen, dass die Experten dennoch Prognosen stellen. Gar nicht einmal aus dem Motiv heraus, direkt Finanzmarktentscheidungen treffen zu wollen, sondern um das menschliche Kontrollbedürfnis, verursacht durch die derzeitige große Unsicherheit, mit Hilfe möglichst vieler Informationen zu befriedigen.

 

… und ein Modell mit Grenzen

Ob es die Modelle besser können? Ich habe mich in den vergangenen Wochen gar nicht mehr getraut, das in normalen Zeiten viel beachtete Prognosemodell der Fed von Atlanta, GDPNow, zu erwähnen. Dieses Modell macht ja eigentlich nichts anderes, als eine Prognose aus bereits publizierten Daten zu erstellen. Und in „normalen“ Zeiten ist das Modell darin gar nicht schlecht. Aber mit Recht weisen die Autoren auf ihrer Homepage in roten Lettern darauf hin, dass das Modell nur diese Daten verarbeiten kann. Aber natürlich keinesfalls die weiteren Einflüsse des COVID-19-Virus auf das Bruttoinlandsprodukt jenseits der bekannten Daten und bereits veröffentlichter ökonomischer Reports prognostizieren kann.

Wie sehr dieses Modell der tatsächlichen Situation hinterherhinkt, zeigt sich an der Entwicklung der Wachstumsprognose: Noch am 20. März ist das Modell von einem annualisierten saisonbereinigten Wachstum von 3,3 Prozent für die USA ausgegangen. Bis gestern hat es hingegen – auch bedingt durch den Einfluss oben genannter Daten – seine Vorhersage deutlich nach unten revidiert und zeigt nun immerhin eine Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts für das erste Quartal von -0,3 Prozent an.

 

Weitgehend unabhängig von den ökonomischen Daten hat sich der Dollar auch gestern weiter befestigt und den Euro im gleichen Zuge nach unten geschoben. Auch wenn sich manch einer schwertun sollte, diese Entwicklung aufgrund der gestrigen Datenlage zu begründen, bleibt doch die wichtigste Information, dass sich die Gemeinschaftswährung im kurzfristigen Abwärtstrend befindet. Dieser reicht zunächst bis 1,0675 und bleibt intakt, solange 1,1000/05 nicht mehr überwunden wird.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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