Dollar am Morgen Märkte

Wenn alle Regeln versagen

von Joachim Goldberg am 23. März 2020

EUR USD (1,0740)             In vielerlei Hinsicht hat die abgelaufene Handelswoche in den Finanzmärkten Dinge hervorgebracht, die es bislang noch nicht gegeben hat. Dabei möchte ich an dieser Stelle gar nicht aufzählen, wie hoch die Kursverluste an den Aktienmärkten zum Wochenschluss waren oder wie hoch der hiesige Volatilitätsindex, der VDAX New, am vergangenen Montag in der Spitze notierte – der Index war weiter nach oben geklettert, als wir dies während der Finanzkrise 2008 erlebten, und markierte mithin ein neues Allzeithoch. Und ein Blick in die USA zeigt, dass die Investoren zum ersten Mal nach 1929 seit Donnerstag vor einer Woche an drei Tagen hintereinander Kursausschläge in einer Größenordnung von mehr als 9 Prozent – zweimal nach unten und einmal als Erholungsbewegung – verbuchen mussten.

 

Kein sicherer Hafen

Allerdings wurde auch etwas anderes während der vergangenen Woche offenkundig: Anscheinend gab es keine Anlageklassen, die angesichts der Aktienkursverluste zu einer Beruhigung der geschundenen Nerven beitragen konnten. Der einst als sicherer Hafen betrachtete Markt für US-Staatsanleihen schwankte wild hin und her und schwächte sich zeitweise parallel zu den Aktienkursen ab. Seit die Rendite der zehnjährigen Treasuries am 9. März ein Rekordtief von rund 0,32 Prozent erlebten, gab es keinen Tag mehr, an dem die Handels-Range weniger als 24 Basispunkte betragen hatte. Und am vergangenen Freitag war sie mit knapp 44 Basispunkten sogar am stärksten. Selbst Gold erwies sich in der Krise nicht als werterhaltend und machte innerhalb von zwei Wochen gegenüber dem US-Dollar den kompletten Kursgewinn seit Jahresbeginn zunichte. Kurzum: Vermögensverwalter haben offenbar alles verkauft, was sie auf die Schnelle loswerden konnten. Weil es den Anschein hatte, dass alle althergebrachten Regeln versagen würden.

 

Die vermeintlichen Retter

Aber auch etwas anderes ist – ähnlich wie während der Finanzkrise im Jahr 2008 – noch einmal deutlich geworden. Vielerorts wurden große Investments, teilweise mit kräftigem Hebel, unter der Prämisse getätigt, dass nichts Schlimmes passieren würde. Denn die Marktentwicklung der Vergangenheit hat Investoren und Anlegern bis Mitte Februar suggeriert, dass Aktien alternativlos seien. Und das, obwohl die Corona-Pandemie zu diesem Zeitpunkt erkennbar in vollem Gange war. Denn im Zweifel gab es ja immer noch – für den Fall, dass tatsächlich etwas Schlimmes passieren würde – die Notenbanken, die einem aus dem Schlamassel retten würden.

 

Ist das Schlimmste ausgestanden?

Ich bin in der vergangenen Woche häufig gefragt worden, ob nun das Schlimmste vorbei sei. Was den Auslöser des ganzen Dramas an den Finanzmärkten angeht, die Corona-Pandemie, muss man diese Frage mit einem klaren Nein beantworten. Denn angesichts teils exponentiell steigender Infektions- und Sterbezahlen ist eine Gewöhnung an die schlechten Nachrichten noch nicht möglich gewesen.

Was die aus der Pandemie resultierenden Folgen für die globale Ökonomie angeht, kann man nur ganz wild spekulieren. Und ich finde es immer wieder faszinierend, dass Strategen großer Investmentbanken, wie etwa Goldman Sachs am Freitag, anscheinend in der Lage sind, für das Bruttoinlandsprodukt der USA im zweiten Quartal eine Schrumpfung von annualisiert 24 Prozent zu prognostizieren. Das liest sich wie eine genaue Prognose und soll wohl Expertise vermitteln. Dem Vernehmen nach sehen die Experten der Bank of America und von J.P. Morgan nur eine Kontraktion von 12 bzw. 14 Prozent für das zweite Quartal.

 

(Fast) nichts ist gut

Egal, welche der drei Prognosen tatsächlich eintreffen wird – einen großen Unterschied macht das nicht. So oder so ist es nicht gut. Einzig der US-Dollar, den viele Investoren im Februar bereits für überbewertet gehalten hatten, erwies sich als sogenannter „sicherer Hafen“ und als gesuchte Fluchtwährung. Damit blieb der Euro auch zum Wochenschluss unter Druck und hat das Zeug, unterhalb von 1,0540/45 seinen Abwärtstrend in Richtung 1,0330 fortzusetzen. Das erste Niveau für eine Stabilisierung liegt auf der anderen Seite erst bei 1,0965.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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