Dollar am Morgen Märkte

Tag der Anhörungen

von Joachim Goldberg am 12. Februar 2020

EUR USD (1,0910)             Gleich drei Notenbankpräsidenten mussten gestern Rede und Antwort stehen. Zum einen fand die halbjährliche Anhörung von Fed-Chef Jerome Powell vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses statt. Hierzulande sprach EZB-Präsidentin Christine Lagarde vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. Beide Reden hatten eines gemeinsam: Die Geldpolitik der Notenbanken kann im Zweifel nicht alles richten. Darüber hinaus sprach der Chef der Bank of England, Mark Carney, vor dem Wirtschaftsausschuss des britischen House of Lords in London.

Während die Aktienmärkte dies- und jenseits des Atlantiks gestern weiter haussierten und die Akteure ihrer Risikofreude anscheinend freien Lauf ließen, beruhigte sich der Devisenhandel etwas. Allerdings schwächte sich der Euro gegenüber dem US-Dollar abermals ab und ist nicht mehr weit davon entfernt, das Tief von Anfang Oktober des vergangenen Jahres in Angriff zu nehmen. Jedenfalls hatte die Gemeinschaftswährung erhebliche Mühe, nicht noch den siebten Tag in Folge mit einem Minus abzuschließen.

Immer noch auf der Suche nach Gründen

Nach wie vor tun sich Kommentatoren schwer, die jüngste Schwäche der Gemeinschaftswährung zu begründen. Tatsächlich ist es mit Sicherheit nicht ein einziger Faktor allein, sondern vielmehr eine Kombination von mehreren ungünstigen Einflüssen, die zurzeit für einen schwachen Eurokurs sorgen. Da gibt es einmal die altbekannten ökonomischen Fragezeichen bezüglich der Eurozone, an die sich die Akteure eigentlich schon längst gewöhnt zu haben schienen. Dann die politische Situation in Deutschland, ausgelöst durch den angekündigten Rücktritt der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, der insbesondere von ausländischen Kommentatoren kritisch gesehen wird. Oder der überraschende Aufstieg und jüngste Wahlsieg der linksgerichteten Partei Sinn Féin in Irland. Und der gestrige Auftritt von EZB-Chefin Christine Lagarde vor dem Europäischen Parlament in Straßburg kann als Aufruf an die Fiskalpolitik verstanden werden, sich nicht allein auf die Notenbank zu verlassen.

 

Fragwürdiges Argument

Aber auch ein anderer Aspekt gewinnt plötzlich (wieder einmal) an Bedeutung. So vertreten einige Kommentatoren die Auffassung, dass der Euro im Rahmen von sogenannten Carry Trades – dabei verschulden sich Marktteilnehmer in einer Niedrigzinswährung, um sie in einer höher verzinslichen Valuta gewinnbringend anzulegen – als Verschuldungswährung interessant geworden sei. Ganz plötzlich. Und deswegen stehe der Euro derzeit naturgemäß unter Druck. Aber die Zinsdifferenz zwischen den USA und der Eurozone befindet sich seit Ende 2018 peu à peu auf dem Rückzug. Zumindest wenn man etwa zum Beweis den gern angeführten Abstand zwischen zehnjährigen US-Treasuries und Bundesanleihen mit ähnlicher Laufzeit anführt. Während der gleichen Zeit bewegte sich der Euro zum US-Dollar im Durchschnitt etwa bei 1,1150, also nicht sehr weit vom heutigen Niveau entfernt. Mehr noch: Tatsächlich besteht das Zinsdifferenzial zugunsten des Greenback nicht erst seit der vergangenen Woche.

 

Powell nimmt Fiskalpolitik in die Pflicht

Auf der Dollar-Seite gab es von Fed-Chef Jerome Powell bei seiner gestern beginnenden zweitägigen Anhörung vor dem US-Kongress wenig Überraschendes zu vermelden. Natürlich ist sich die Notenbank der Gefahren für die US-Wirtschaft bewusst, die von der Coronavirus-Epidemie in China ausgehen. Und während die US-Konjunktur derzeit moderat wächst und in guter Verfassung sei, stimmte Powell bereits in den Kanon seiner Vorgänger Janet Yellen und Ben Bernanke ein. Die hatten nämlich im Januar geäußert, dass die Fed einen deutlichen Rückgang der Konjunktur nicht allein werde abfangen können. Tatsächlich, so Powell, seien die Zinsen bereits niedrig, so dass es fiskalpolitischer Hilfe bedürfe, falls sich die US-Wirtschaft irgendwann deutlich verschlechtern sollte.

Unter dem Strich bleibt der Euro also in seiner ungünstigen Position, die sich unterhalb von 1,0875 noch einmal verschlechtern würde, dann mit Potenzial bis 1,0765/70. Das Niveau für eine erste Stabilisierung liegt nun etwas niedriger bei 1,1015/20.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

 

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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