Dollar am Morgen Märkte

Gegensätzliche Sichtweisen

von Joachim Goldberg am 11. Februar 2020

EUR USD (1,0910)             Das hatten wir schon lange nicht mehr: Ein Euro, der sechs Handelstage hintereinander mit einem Tagesverlust abschließt. Zuletzt war das im August 2019 der Fall. Und obgleich die Ausprägung der einzelnen Kursverluste damals wie heute ähnlich hoch sind und sich auch in fast identischen Kursbereichen abspielen (rund 1,1150 bis 1,09), scheint es dieses Mal etwas anders zu sein. Denn der Kursrückgang der Gemeinschaftswährung ist nur auf den ersten Blick leicht erklärbar.

Abgesehen von den gebetsmühlenartig wiederholten Kommentaren vieler Analysten, die ihren Finger auf die immergleiche Wunde legen – schleppende Wachstumsaussichten für Deutschland und die Eurozone kombiniert mit einer ordentlich wachsenden US-Konjunktur – kam nun immerhin eine weitere Komponente hinzu. Die Rede ist von Annegret Kramp-Karrenbauer, die nicht nur das Rennen um die deutsche Kanzlerkandidatur aufgegeben hat, sondern im Laufe des Jahres auch den CDU-Parteivorsitz abgeben wird. Ein Einflussfaktor, der sich, trotz Reaktionen von Seiten internationaler Kommentatoren aus Großbritannien und selbst aus den USA, erfahrungsgemäß nicht nachhaltig auf den Wechselkurs des Euro auswirken muss.

 

Risikoaversion oder Risikofreude?

Bei genauem Hinsehen wird nämlich deutlich, dass derzeit argumentativ in den Finanzmärkten einiges nicht zusammenpasst. Aber bleiben wir zunächst beim Euro im Verhältnis zum US-Dollar. Um die Entwicklung dieses Währungspaars zu erklären, wird nämlich häufig mit Risikofreude bzw. Risikoaversion der Akteure argumentiert.

Gestern war die Bewegung aus dem Euro heraus in Richtung Dollar mancherorts mit der angeblichen Suche der Marktteilnehmer nach sogenannten sicheren Häfen wegen der unklaren Situation um die Corona-Virusepidemie begründet worden. Eine Art von Risikoaversion, die an den Aktienmärkten der USA und hierzulande spätestens gestern Nachmittag nicht zu registrieren war. Es ist noch nicht allzu lange her, nämlich zwischen dem 29. dem 31 Januar, da gab es an den globalen Aktienbörsen einen deutlichen Rücksetzer eben wegen dieser Corona-Ängste. Interessanterweise war der US-Dollar während dieser drei Tage kein Zufluchtsort internationaler Kapitalströme. Im Gegenteil: Der Euro zeigte wenig Schwäche und markierte zum Ende dieses Zeitraums sogar ein klares Zwischenhoch, bevor es obengenannte sechs Handelstage in Folge trotz aller zurückgekehrter Risikofreude (seit Freitagabend ist nun interessanterweise von Risikoaversion die Rede) nach unten ging.

 

Zwei gegensätzliche Welten

Blickt man also auf die Aktienmärkte, scheinen sich die Akteure vor allen Dingen in den USA zurzeit noch nur wenig um spätere ökonomische Folgen der Virus-Epidemie zu scheren. Von dieser Sorglosigkeit können allerdings die US-Anleihemärkte kein Lied singen. Zehnjährige Staatsanleihen waren bis gestern so gut nachgefragt, dass deren Rendite, die sich seit dem 31. Januar um 18 Basispunkte – infolge zurückgekehrter Risikofreude – auf zuhöchst 1,68 Prozent befestigt hatte, seit dem 6. Februar mehr als die Hälfte dieses Gewinns wieder abgeben musste.

Obwohl sich die US-Wirtschaft weiterhin gut entwickelt, wenn man etwa den Arbeitsmarktbericht aus der vergangenen Woche zugrunde legt, scheinen die Anleihemärkte seit gestern wieder leichte Rezessionsängste einzupreisen. Zumindest ist das diesbezüglich viel beachtete Barometer, der Renditeabstand zwischen zehnjährigen US-Treasuries und T-Bills mit dreimonatiger Laufzeit, seit gestern wieder mit einem (knappen) negativen Vorzeichen, also dem möglichen Vorboten für eine mögliche Rezession in einigen Monaten, versehen. Kurzum: Aktienmarktteilnehmer sehen die Welt offenbar anders als die Anleihe- und Devisenhändler.

Der Euro hat gestern auf jeden Fall seinen kurzfristigen Abwärtstrend ohne nennenswerte Erholung fortgesetzt und droht nun auch das Jahrestief vom September 2019 (rund 1,0875) und danach auch 1,0755/60 in Angriff zu nehmen. Zumindest bleibt das Abwärtsmomentum unterhalb von 1,0980 ungetrübt, und eine Stabilisierung kann erst oberhalb von 1,1030/35 erwartet werden.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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