Dollar am Morgen Märkte

Ominöses Treffen im Weißen Haus

von Joachim Goldberg am 19. November 2019

EUR USD (1,1070)             Nein, ein Treffen von US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus mit dem Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, im Beisein von Finanzminister Steven Mnuchin stand gestern eigentlich nicht auf dem Terminkalender. Und wenn man den Verlautbarungen Glauben schenkt, hat der Fed-Chef nichts anderes gemacht, als noch einmal seine jüngsten Statements zur US-Wirtschaft und zu den Leitzinsen auszuführen. Nicht mehr also als eine Wiederholung von Altbekanntem.

Es sei ein sehr gutes und freundschaftliches Treffen gewesen, bestätigte Donald Trump gleich auch noch via Twitter. Derselbe Donald Trump, der in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Jerome Powell und die Fed, meist durch die immergleichen Tweets, maßregelte und sogar beleidigte, schlägt also einen seltsam anmutenden, freundlichen Ton an. Und Jerome Powell hat bei dieser Zusammenkunft angeblich auch kein Wort über geldpolitische Erwartungen verloren. Immerhin: Der Dollar begann nach Bekanntwerden des Treffens leicht zu wanken.

 

Wieder einmal ins Stocken geraten

Normalerweise hätten Beobachter von einem derartigen Treffen erwartet, dass der US-Präsident Jerome Powell wohl noch einmal persönlich die Leviten lesen würde, um ihn zu rascheren Zinssenkungen zu bewegen. Aber das Treffen fand nicht nur ungeplant, sondern auch noch just in dem Moment statt, als die US-chinesischen Verhandlungen im Handelskonflikt Medienberichten zufolge wieder einmal ins Stocken zu geraten schienen.

Natürlich war noch über das Wochenende hinweg die Rede davon, dass Chinas Vizepremier Liu He, Steven Mnuchin und der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer ein weiteres „konstruktives“ Telefonat geführt haben sollen. Aber am gestrigen Montag hatte sich die Stimmung in Peking einem CNBC-Bericht[1] zufolge verschlechtert. Angeblich soll eine zuverlässige Quelle aus chinesischen Regierungskreisen geäußert haben, es bestehe Uneinigkeit über das konkrete Volumen der geplanten chinesischen Ankäufe von US-Agrarprodukten. Auch war plötzlich von einer Strategie Pekings die Rede, zwar verhandeln zu wollen, aber man wegen des Impeachment-Verfahrens gegen Trump und der US-Wahlen im kommenden Jahr vernünftigerweise darüber nachdenke [mit Taten], erst einmal abzuwarten.

 

Langfristige Umschichtungen?

Bereits zuvor war interessanterweise noch ein anderer Artikel des TV-Senders CNBC publiziert worden, demzufolge China angesichts des andauernden Handelskonflikts mit den USA – nicht zum ersten Mal – seine starke Abhängigkeit vom US-Dollar gerne verringern würde.[2] Nicht zuletzt, weil das Weiße Haus vor einiger Zeit laut darüber nachgedacht hatte, US-Investments in China deutlich einzuschränken. Dabei geht es nicht nur darum, auf Dollar lautende Währungsreserven in andere Valuten umzuschichten. Auch von alternativen Investments und sogenannten Schattenreserven („shadow reserves“) ist die Rede. Tatsächlich hat China während der vergangenen 14 Monate schrittweise seine Bestände in US-Treasuries vom Spitzenwert im Jahr 2018 per August um 88 Mrd. auf rund 1,10 Billionen USD gesenkt.

Und so wundert es nicht, dass mancherorts darüber spekuliert wurde, ob Donald Trump womöglich Jerome Powell einbestellt habe, um ihn auf ein erneutes Scheitern der US-chinesischen Handelsgespräche einzustimmen. Dann wäre die Fed womöglich auch mit einer weiteren Leitzinssenkung im Dezember zur Hand. Aber dafür gibt es bislang keinen Anhaltspunkt – das CME FedWatch-Tool berechnet hierfür eine implizite Wahrscheinlichkeit von weniger als einem Prozent.

Allerdings habe ich mich abseits aller (unfundierten) Zinssenkungsfantasien an eine andere Vermutung erinnert, die ich Mitte Mai und Anfang Juni (HIER und HIER) geäußert hatte. Nämlich, dass langfristige Kapitalverschiebungen aus dem Dollar- in den Euroraum ein stärkeres Abgleiten der Gemeinschaftswährung verhindert hätten. Dies könnte auch in der vergangenen Woche der Fall gewesen sein, als der Euro trotz einer ungünstigen Ausgangssituation nur marginal niedrigere Tagestiefs produzierte und somit nicht in der Lage war, das Schlüsselniveau bei 1,0990 zur Begründung eines kurzfristigen Abwärtstrends zu unterlaufen. Eine Entwicklung, wie sie typischerweise auftritt, wenn große Marktteilnehmer – möglicherweise im Rahmen von vorgenannten Umschichtungen – vorsichtig in den fallenden Markt hinein kaufen. Allerdings hat auch die gestrige Erholung der Gemeinschaftswährung nicht gereicht, diese über 1,1105/10 zu hieven, um sich der latenten Schwäche-Tendenz zu entledigen.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

 

Fußnoten

[1] https://www.cnbc.com/2019/11/18/mood-in-beijing-about-trade-deal-is-pessimistic-government-source-tells-cnbc.html

[2] https://www.cnbc.com/2019/11/18/china-diversifying-fx-reserves-assets-to-counter-us-dollar-exposure.html

 

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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