Dollar am Morgen Märkte

Alles halb so schlimm?

von Joachim Goldberg am 15. November 2019

EUR USD (1,1025)             Referenzpunkte haben etwas Verführerisches, vor allen Dingen, wenn es um ökonomische Daten geht. Denn wenn man eine Orientierung benötigt, genügt es manch einem, einfach nur die Median-Erwartung von Ökonomen zurate zu ziehen, um zu beurteilen, ob etwas hoch oder tief, gut oder schlecht ist. Und diese verkürzte Sichtweise mag auch für die gestrige Bekanntgabe der Frühschätzung für das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) gelten. Dieses ist im dritten Quartal mit einem Plus von 0,1 Prozent (ggü. Vorquartal) besser ausgefallen als gedacht – viele Ökonomen hatten eigentlich mit einem Minus von 0,1 Prozent gerechnet. Dies hätte nach dem BIP-Rückgang von 0,2 Prozent im zweiten Quartal eine „technische Rezession“ bedeutet[1].

 

Keine technische Rezession auf die Schnelle möglich

Noch einmal Glück gehabt, könnte man sagen. Ja, die heimische Nachfrage – öffentlich wie privat – habe die Schwäche beim Auftragseingang der Industrie wettgemacht, stellten Kommentatoren vielerorts – leicht überrascht – fest. Nimmt man indes einen anderen Referenzpunkt, die ebenfalls gestern veröffentlichte vorläufige Wachstumszahl für die Eurozone von +0,2 Prozent im dritten Quartal, als Vergleich, hinkt Deutschland etwas hinterher. Aber: Das Plus der Eurozone entsprach „nur“ der Erwartung der Ökonomen. Also zählt dieser Vergleich nicht wirklich. Und in der Wahrnehmung vieler Akteure blieb unter dem Strich eine „deutsche Überraschung“ haften.

Auch wenn es sich beim deutschen BIP für das dritte Quartal nur um eine vorläufige Zahl handelt: Sollte diese sich bewahrheiten, könnten sich besorgte Mitbürger zurücklehnen, zumal die nächste technische Rezession frühestens nach zwei hintereinander liegenden Negativ-Quartalen möglich und deren Veröffentlichung ohnehin erst Mitte Mai 2020 zu erwarten wäre.  

 

Stimulus-Paket bis auf weiteres verschoben

Mich regen solche Wirtschaftszahlen nicht wirklich auf. Aber Andere machen zwischen einem kleinen Plus und einem kleinen Minus einen (zu) großen Unterschied. Zumindest dürften sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Olaf Scholz bestätigt fühlen, nicht sogleich dem Ruf nach großen fiskalischen Stimulus-Paketen nachgegeben zu haben, weil bis vor kurzem noch eine Rezession für Deutschland erwartet worden war. Der von den Politikern geforderte Beweis, dass es tatsächlich schlecht um Deutschlands Wachstum steht, ist zumindest mit den gestern veröffentlichten Wirtschaftsdaten für Deutschland allem Anschein nach nicht erbracht worden. Und er ist nun, wie gesagt, erst Mitte Mai kommenden Jahres wieder möglich. Da kann die Europäische Zentralbank lamentieren, wie sie möchte – sie wird die von ihr geforderte fiskalpolitische Unterstützung für den geldpolitischen Kurs nicht bekommen. Nicht bevor das Kind richtig in den Brunnen gefallen ist. Was allerdings viel schneller als gedacht und ausgelöst durch eine externe Krise, etwa einem Scheitern der US-chinesischen Handelsgespräche, geschehen könnte.

Unterdessen, so scheint es, haben sich die Euro-Bären gestern umsonst abgemüht. Denn der Auslöser für einen kurzfristigen Abwärtstrend bei 1,0985/90 hat dem Abgabedruck standgehalten. Damit besteht, wie bereits am Vortag erwähnt, die Gefahr, dass das entscheidende Euro-Angebot an besagter Stelle soweit aufgebraucht sein könnte, dass statt eines Trends lediglich ein Rohrkrepierer („false break) herauskommt. Mehr noch: Das Risiko vergleichsweise heftiger Gegenbewegungen hat sich mittlerweile deutlich erhöht. Um den Euro allerdings nachhaltiger aus der derzeitigen Gefahrenzone zu bringen, müsste die Gemeinschaftswährung wie zuvor mindestens 1,1105 überschreiten.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

 

[1] Eine „technische Rezession“ ist bekanntlich gegeben, wenn die Wirtschaftsleistung eines Landes zwei Quartale hintereinander negativ ausfällt.

 

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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