Dollar am Morgen Märkte

Schwacher Euro, warum willst Du nicht fallen?

von Joachim Goldberg am 21. August 2019

EUR USD (1,1095)             Eigentlich gäbe es genügend Gründe für den Euro, endlich zumindest einen kurzfristigen Abwärtstrend einzuläuten. Allerdings war gestern zu konstatieren, dass weder die Gemeinschaftswährung fällt noch der Dollar richtig abhebt. Was gestern vielleicht noch am ehesten für den Euro hätte sprechen können, ist die Tatsache, dass der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte bei Präsident Sergio Mattarella seinen Rücktritt einreichen wird. Denn er erklärte die Regierungskoalition von Lega Nord und der Fünf-Sterne-Bewegung gestern für beendet. Nun lag es nicht nur an der persönlichen Kritik des scheidenden italienischen Ministerpräsidenten am Chef der Lega Nord, Matteo Salvini, dass die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihen auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2016 sank. Vermutlich ist es die Möglichkeit, dass Italien noch einmal um Neuwahlen herumkommt, wenn sich die Fünf-Sterne-Partei und die bislang oppositionelle sozialdemokratische PD für die Zusammenarbeit in einer Regierung zusammenraufen könnten. Falls das nicht gelingen sollte, würde Staatspräsident Mattarella vermutlich Neuwahlen anstreben. Aber wäre eine Koalition der Mitte-Links Partei mit der Fünf-Sterne-Bewegung, die die Marktteilnehmer derzeit favorisieren, tatsächlich stabil genug?

 

Fed-Protokoll ist fällig

Vom heute Abend bekannt werdenden Protokoll der vergangenen Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) vom 30./31. Juli erwarten wir nicht viel Wegweisendes, denn in den anschließenden drei Wochen ist viel passiert, was die FOMC-Mitglieder bei der vergangenen Sitzung noch nicht wissen konnten. Etwa die Eskalation im US-chinesischen Handelskrieg.

Überraschungen könnte es indes nach Ansicht von Beobachtern spätestens beim alljährlichen Symposium der Notenbanker in Jackson Hole (22. – 24. August) geben. Obgleich die Agenda für das Treffen erst am Donnerstag veröffentlicht wird, steht bereits fest, dass Fed-Chef Jerome Powell am Freitag sprechen wird. EZB-Präsident Mario Draghi wird hingegen nicht vor Ort sein.

Vieles spricht dafür, dass Powell bei der Tagung in irgendeiner Weise durchblicken lassen wird, dass es bei der Sitzung im September eine weitere Zinssenkung von 25 Basispunkten geben könnte. Das ist auch das, wovon man allerorten, gemessen am CME FedWatch-Tool, ausgeht. Und was die implizite Wahrscheinlichkeit für mindestens drei Zinssenkungen von insgesamt 75 Basispunkten in diesem Jahr angeht, berechnete dieses Modell gestern nunmehr eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent. Überraschungen, sofern diese überhaupt von Jerome Powell kommen sollten, dürften also eher darin bestehen, dass das mögliche Tempo der Zinssenkungen nicht dem entspricht, was die Teilnehmer an den Finanzmärkten erwarten bzw. derzeit in den Fed Funds Futures eingepreist ist. Ein Argument also für einen festeren Dollar.

 

Zu wenige Schieflagen für einen Trend?

Warum also gerät der Euro, vor allem auch trotz der vielen vernehmbaren bearishen Vorhersagen, nicht stärker unter Druck? Gut möglich, dass zu viel Negatives an ökonomischen Daten bereits bekannt ist und noch Schlechteres nicht mehr richtig überrascht. Aber selbst die jüngst aufgekommenen Rezessionsprognosen für Deutschland oder auch das angeblich geplante massive Stimulus-Paket für die Eurozone, das bereits im September angekündigt werden könnte, haben den Euro seltsamerweise nicht wirklich unter Druck gesetzt.

Möglicherweise gibt es im Markt zurzeit gar keine großen Schieflagen – eine Voraussetzung für stärkere Trends. Denn nach Berechnungen unseres auf Erkenntnissen der Behavioral Finance basierenden Modells dürfte der wahrgenommene faire Wert des Euro für mittelfristig orientierte Marktteilnehmer derzeit etwa bei 1,1180 liegen. Und dies ist auch das Niveau, das überschritten werden muss (wir erwarten wenig Euro-Angebot darüber!), um die leicht angeschlagene Gemeinschaftswährung zu stabilisieren. Deren Abwärtspotenzial reicht ansonsten bis 1,1005/10, ohne dass dieses jedoch zwingend ausgenutzt werden müsste.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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