Dollar am Morgen Märkte

Im Zinssenkungsfieber

von Joachim Goldberg am 14. Juni 2019

EUR USD (1,1275)             Selbst wenn sich der Dollar gestern in ganz engen Bahnen bewegte und auch der Euro fast in einer gewissen Starre verharrte, muss das nicht bedeuten, dass sich die Händler derzeit wenig Gedanken machen. Natürlich sind die gestern publizierten Fundamentaldaten nicht der Rede wert gewesen und wurden folglich auch kaum beachtet. Aber die Sitzung der US-Notenbank, die am 19. Juni enden wird, wirft bereits ihre Schatten voraus. Einer Reuters-Umfrage zufolge gehen mittlerweile 40 Prozent der Analysten davon aus, dass die Fed eine Zinssenkung in diesem Jahr vornehmen wird – bei der Mai-Umfrage hatten nur 8 Prozent der befragten Auguren diese Meinung vertreten. Allerdings zeigen die Terminmärkte diesbezüglich bereits eine viel höhere implizite Wahrscheinlichkeit. So berechnet etwa das CME FedWatch Tool, dass die Wahrscheinlichkeit für mindestens eine Zinssenkung von 25 Basispunkten in diesem Jahr bei 99 Prozent liegt. Dass dies bereits bei der Sitzung der Notenbank im Juli der Fall sein könnte, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 85 Prozent bewertet. Und das mit steigender Tendenz, denn eine Woche zuvor betrug dieser Wert noch knapp 70 Prozent. Fast hat man ein wenig den Eindruck, als würden sich Märkte wie Analysten geradezu in einen Zinssenkungsrausch hineinsteigern. Mit der Folge, dass eine viel zu hohe Erwartungshaltung entsteht, ein psychologischer Referenzpunkt, der wenig Spielraum für Überraschungen, dafür aber viel Enttäuschungspotenzial birgt.

 

Keine Leitzinsänderung im Juni, aber…

Das CME FedWatch Tool berechnet allerdings für eine Zinssenkung bereits in der kommenden Woche nur eine Wahrscheinlichkeit von ca. 30 Prozent, und auch die meisten Analysten gehen davon aus, dass die Notenbank bei besagter Sitzung noch nicht mit einem Zinsschritt aufwarten wird. Dafür aber eben Ende Juli. Allerdings werden am Ende der Zusammenkunft des Offenmarktausschusses (FOMC) neue vierteljährliche Zinsprognosen, die sogenannten „Dot-Plots“, fällig. Obgleich Fed-Chef Jerome Powell und andere FOMC-Mitglieder die Bedeutung dieser Projektionen herunterzuspielen versuchen, indem Powell etwa erst kürzlich bemängelte, dass Händler und Investoren diesen Dot-Plots viel zu viel Gewicht beimessen würden, werden diese als eine Art Wetterbericht für die Geldpolitik der Notenbank wahrgenommen. Vorhersagen, die mit mehr oder weniger großer Sicherheit abgegeben werden.

 

Fed weiß nicht mehr als der Markt

Aber die Finanzmarktteilnehmer glauben eben, dass die Fed über ein höheres Expertenwissen verfügt als sie selber. Wir erinnern uns: Bei der vergangenen Projektion im März gingen alle 17 Mitglieder des Offenmarktausschusses davon aus, dass es bis zum Jahresende keine Leitzinsveränderung geben würde. Was nun die Dot-Plots in der kommenden Woche angeht, erwarten die Teilnehmer an den Finanzmärkten zumindest, dass diese nun sichtbar nach unten korrigiert werden. Verbunden mit der impliziten Drohung, dass die Aktienmärkte bei einer Enttäuschung einen deutlichen Schlag hinnehmen müssen.

Tatsächlich befindet sich der Offenmarktausschuss in einer delikaten Lage. Denn seine Teilnehmer müssen bei ihren Vorhersagen eine schwer vorhersehbare Entwicklung berücksichtigen: die Entwicklung im Handelskrieg zwischen den USA und China und die damit möglicherweise verbundenen Tiraden eines unberechenbaren US-Präsidenten. Und die daraus resultierenden Folgen für die US-Wirtschaft, die sehr vielschichtig und zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht absehbar sein können.

Und so ist es nachvollziehbar, dass sich die Euro-Händler auch gestern nicht wirklich festlegen wollten. Ein Kommentator brachte es auf den Punkt, als er äußerte, es gäbe keine bullishen Anschlusskäufe, aber die Euro-Bären hätten eben auch nicht den Mut, die Gemeinschaftswährung stärker unter Druck zu setzen. Und so ändert sich auch unsere Einschätzung der kurzfristigen Lage nicht, wonach der Euro lediglich nach Unterschreiten von 1,1210/15 deutlicher unter Druck geraten würde. Vielmehr bestätigt sich immer mehr, dass der Ausbruch des Euro am 7. Juni an der Oberseite seiner damaligen Konsolidierungszone (1,1110-1,1325) wohl als Fehlentwicklung („False Break“) klassifiziert werden muss.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

Die dargestellten Analysen, Techniken und Methoden dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar, sondern spiegeln lediglich die Meinung des Autors wider. Goldberg & Goldberg übernimmt keine Art von Haftung für die Verwendung dieser Kommentare oder deren Inhalt. Die Berichte stellen keine Finanzanalyse im Sinne des § 34b WpHG, Anlageberatung, Anlageempfehlung oder Aufforderung zum Handeln dar. Darüber hinaus verweisen wir auf unseren Disclaimer.

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

NEWSLETTER
Melden Sie sich zu unserem regelmäßigem Newsletter an.

Sollten während der Anmeldung Fehler auftreten (z.B. bei deaktiviertem Javascript), senden Sie bitte eine E-Mail mit Ihren Daten an joachim[at]goldberg-goldberg.com.

Ihre Daten werden ausschließlich zum Zwecke des Newsletters genutzt. Ihre Daten werden nicht an Dritte weitergegeben und können jederzeit widerrufen werden.

Archiv