Investmententscheidungen Märkte Wirtschaft

Über die Wiederbelebung toter Gewinne

von Joachim Goldberg am 6. Dezember 2017

Mittlerweile dürften die Akteure an den Finanzmärkten genügend Zeit gehabt haben, sich intensiv mit der US-Steuerreform auseinanderzusetzen. Anscheinend stört es kaum jemanden, dass die beiden unterschiedlichen Gesetzentwürfe, über die der Senat und das Repräsentantenhaus abgestimmt haben, noch aneinander angepasst werden müssen. Stattdessen geht man vielerorts davon aus, dass noch vor Weihnachten ein Kompromiss der beiden Vorlagen gefunden wird und von US-Präsident Donald Trump bereits per Neujahr auf den Weg gebracht werden könnte. Mit einer bereits 2018 greifenden Senkung des Unternehmenssteuersatzes von 35 auf 20 Prozent müssten, so die logische Konsequenz, auch die Gewinneinschätzungen für viele Aktien des S&P 500 Index für das kommende Jahr drastisch angehoben werden.

Andererseits können sich viele Marktteilnehmer nicht vorstellen, dass die Steuerreform tatsächlich zu einem großen Wachstumsschub in den USA führen wird. Interessanterweise handelt es sich dabei oft um dieselben Stimmen, die nun die US-Notenbank im kommenden Jahr trotzdem mit Leitzinserhöhungen gegensteuern sehen. Abgesehen von der Zinserhöhung in der kommenden Woche, die als sicher gilt, rechnet man vielerorts mittlerweile mit vier Zinsschritten im Jahr 2018.

 

Unterschätzte Kapitalströme

Wenig wird indes von einem nicht unwichtigen Aspekt dieser Steuerreform gesprochen. So wies etwa das Wall Street Journal am vergangenen Wochenende (HIER) darauf hin, dass eine geplante einmalige Steuererleichterung für im Ausland erzielte und dort gehaltene Unternehmensgewinne (manche Schätzungen liegen bei mehr als 2,5 Billionen US-Dollar!) zu erheblichen Repatriierungs-Geldströmen aus dem Ausland in Richtung USA führen können.

Auch die Financial Times beschäftigt sich in ihrer heutigen Ausgabe (HIER) mit dem Vorschlag der Republikaner, dieses im Ausland unterhaltene Geld mit einem Steuersatz von nicht mehr als 14,5 Prozent auf Gewinne, die in liquider Form gehalten werden, bzw. etwa 7,5 Prozent für reinvestierte Gewinne zu belegen – egal, ob die Gewinne in die USA zurückfließen oder im Ausland bleiben. Geld, das unter dem derzeit geltenden Steuerrecht, sofern in die USA transferiert, immer noch einem Unternehmenssteuersatz von 35 Prozent unterliegen würde und somit oft nicht der heimischen US-Wirtschaft zugute kommen kann.

Viele US-Multis dürften jedoch selbst für den niedrigen einmaligen Steuersatz von 14,5 Prozent nicht genügend Rücklagen gebildet haben. Mit der Folge, dass, um etwa Steuerforderungen zu bezahlen, im Ausland befindliche Liquidität in die USA zurückgeführt werden muss. Mit anderen Worten: Bislang von US-Unternehmen im Ausland gehaltene, ökonomisch oftmals „tote“ und somit brach liegende Gewinne würden durch die Heimführung in das Mutterland wiederbelebt werden.

 

Komplexitätsaversion

Davon wären natürlich auch in Fremdwährung gehaltene liquide Mittel von US-Unternehmen betroffen. Fremdwährungen, die im Zweifel gegen US-Dollar verkauft werden müssten. Zwar sind diese Bedenken nicht neu und sind hier und da in der Vergangenheit bereits diskutiert worden. Da aber niemand so recht sagen kann, wie hoch die daraus resultierenden Kapitalströme sein könnten, scheint eine Diskussion darüber viel zu komplex und wird daher von vielen Marktteilnehmern verdrängt werden. Denn normalerweise tendieren Märkte dazu, sich bereits frühzeitig auf solche Kapitalströme einzurichten.

Ob sich die heimischen Börsianer darauf eingerichtet haben, können Sie meinem heutigen Kommentar, den ich wie immer HIER für die Börse Frankfurt erstellt habe, oder meinem Skype-Interview HIER entnehmen.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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