Märkte

Sorglos und ohne Netz

von Joachim Goldberg am 14. Juni 2017

Ich gewinne so langsam den Eindruck, dass die Akteure an den Finanzmärkten nichts so sehr fürchten wie eine ausgedehnte Ruhephase. Nicht nur, weil die Sommermonate bevorstehen. Vielmehr scheinen wichtige Ereignisrisiken wie die Wahlen in Großbritannien und Frankreich abgearbeitet, und auch die heute endende Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) wird die Börsianer wahrscheinlich nicht sonderlich beeindrucken. Auch in Sachen Brexit scheint auf Europa zumindest auf den ersten Blick – ohne Einigung mit der EU wäre ein „Hard Brexit“ jedoch das vorgegebene Resultat – eher weniger als mehr Ungemach zuzukommen. Zumindest sind viele Beobachter davon überzeugt, dass die britische Premierministerin Theresa May, die die Wahlschlappe vom vergangenen Donnerstag vorerst politisch überlebt zu haben scheint, auf Kompromisse angewiesen ist. Sowohl innerhalb der eigenen Partei, aber auch bei Verhandlungen mit einem benötigten möglichen Partner für wichtige Entscheidungen wie der extrem konservativen Democratic Unionist Party (DUP). Das „Vorsignal“ steht also auf „Soft Brexit“.

Ruhe tritt aber auch immer dann ein, wenn einem zu Marktentwicklungen nichts mehr einfällt. So etwa an den Aktienmärkten. Ein Blick auf die jüngste BofA Merrill Lynch Fondsmanager-Umfrage zeigt zwar, dass eine breite Mehrheit von netto 44 Prozent – das ist der höchste Stand seit Bestehen dieser Umfrage – Dividendentitel für überbewertet hält. Ein weiterer historischer Wert ergab sich dabei auch hinsichtlich des US-Aktienmarktes, den netto 84 Prozent der Vermögensverwalter global für am stärksten überbewertet halten. Dazu passt jedoch nicht, dass per Saldo 39 Prozent (April: 31 Prozent) der Befragten angaben, sich nicht gegen Verluste bei Aktien abgesichert zu haben!

 

Eurozone immer noch unterbewertet

Viel spricht dafür, dass diese (gelernte) Sorglosigkeit auch weiterhin zu einer fehlenden Bereitschaft führt, sich bei Engagements in Fremdwährung gegen Kursrisiken abzusichern. Aus Sicht von US-Investoren gilt der Dollar zwar nur noch für netto 7 Prozent der Fondsmanager als überbewertet, aber Aktien der Eurozone werden immer noch von netto 18 Prozent der Umfrageteilnehmer für unterbewertet gehalten, nach dem Motto: „Da ist noch mehr drin.“ Die Übergewichtung in Dividendentitel der Eurozone bleibt mit netto 58 Prozent allerdings fast auf dem Niveau des Vormonats, was auch erklärt, warum etwa Aktien der Eurozone (gemessen am EURO STOXX 50) seit gut fünf Wochen auf der Stelle treten.

Welche Position inzwischen die heimischen Investoren einnehmen, erfahren Sie unterdessen wie immer in meinem Sentiment-Kommentar, den die Börse Frankfurt dieses Mal HIER zur Verfügung gestellt hat. Ein Video dazu können Sie HIER ansehen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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