Investmententscheidungen Märkte

Das ist der Gipfel

von Joachim Goldberg am 10. Mai 2017

Immer wenn ein Markt neue Allzeithochs markiert, richten Kommentatoren die Frage an Experten und Analysten: „Was raten Sie dem Anleger? Kann man jetzt noch einsteigen?“ Im Prinzip befinden sich derzeit viele Investoren (nicht nur) beim DAX in einer ähnlichen Situation, weil sie den Aufwärtstrend, der sich nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im November vergangenen Jahres etabliert hatte, möglicherweise schlichtweg komplett verpasst haben. Eigentlich wäre man gerne in irgendeiner Form bei diesem starken Trend dabei gewesen dessen Plus etwa beim DAX – selbst wenn man erst an der Spitze des ersten mehrtägigen Impulses nach dem US-Wahltag bei rund 10.800 DAX-Zählern eingestiegen wäre – bis zum Montag dieser Woche rund 18 Prozent betragen hätte. Ein Konjunktiv, der letztlich nichts anderes als einen entgangenen Gewinn in gleicher Höhe bedeutet.

Für Börsenprofis, die sich etwa an einer Benchmark messen müssen, ist dieser entgangene Gewinn gleichbedeutend mit einem relativen Verlust. Eine Benchmark, die für den Privatanleger normalerweise nicht besteht, es sei denn, er befindet sich im persönlichen Wettstreit mit seinem Nachbarn, der möglicherweise an der Börse besser abgeschnitten hat als er selbst. Daher nehmen viele der Möchtegern-Bullen selbst große entgangene Gewinne überhaupt erst dann wahr, wenn neue Allzeithochs markiert werden. Verluste, die aus entgangenen Gewinnen entstehen, wiegen daher längst nicht so schwer wie reale, sofort spürbare Verluste, die sich etwa aus einem „echten“ (Aktien)-engagement ergeben. Mit Folgen für das Management jener Verluste.

 

Einstiegsdisziplin

Nehmen wir einmal an, jemand hat sich in einem Markt engagiert und setzt sich eine Verlustbegrenzung in Form eines Stopp-Loss von beispielsweise x Prozent, gemessen am Einstandspreis, in der Hoffnung, gemäß einer weit verbreiteten Faustregel etwa das Dreifache seines eventuellen Verlusts zu verdienen[1].

Konsequenterweise müsste man eine solche Faustregel auch für entgangene Gewinne anwenden. Denn viele Akteure hätten sich während der vergangenen Monate gerne im steigenden Aktienmarkt engagiert, aber natürlich nicht zu Höchstpreisen. Die typische Verhaltensweise: Man wartet auf eine Korrektur von ein paar Prozent, um etwas günstiger einsteigen zu können. Dieses „etwas günstiger“ bedeutet gegenüber dem jeweiligen Verlaufshochs des Marktes für den Börsianer einen relativen Gewinn. Sofern die gewünschte Marktkorrektur überhaupt zustande kommt.

Jemand, der seit Beginn der Aufwärtsbewegung im November 2016 etwa auf eine 3-prozentige Korrektur des DAX wartete, um einen erträglichen Markteinstieg zu erreichen, bekam seither immerhin drei Rücksetzer des Börsenbarometers in dieser Größenordnung präsentiert. Wer sich jedoch vorgenommen hatte, auf eine Korrektur von 4 Prozent zu setzen, wartet bis heute auf diese hypothetische Kaufgelegenheit.

 

Begrenzte Gewinne vs. Ungezügelte Verluste

Stattdessen ist der DAX 18 Prozent davongelaufen. Einem möglichen relativen Gewinn (entgangener Verlust) von 4 Prozent steht nun ein relativer Verlust (entgangener Gewinn) von 18 Prozent gegenüber. Anders ausgedrückt: Man hat gegenüber einem begrenzten Gewinn Verluste laufen lassen.

Dies sollte für alle Anhänger von Stopp-Loss Strategien zur Konsequenz haben, dass man eigentlich für einen möglichen relativen Gewinn, hier in Form einer 4-pro­zen­­ti­­gen Korrektur den Markt nur einen Bruchteil davon nach oben davonlaufen lassen darf. Will sagen: Dem Warten auf eine Korrektur, nur um sich besser fühlen zu können, steht das erhebliche Risiko gegenüber, dass einem der Markt schlichtweg davonläuft. Ganz abgesehen davon, dass die gewünschte Korrektur, sofern sie sich  tatsächlich ereignen sollte, möglicherweise nicht vertrauenserweckend aussieht oder zum falschen Zeitpunkt eintritt wie beispielsweise vor dem ersten Wahlgang bei den  französischen Präsidentschaftswahlen, als der DAX immerhin um 3,5 Prozent gefallen war.

 

Entscheidungs-Aversion

Letztlich wird erkennbar, dass das Warten auf Korrekturen nichts anderes darstellt als eine verkappte Aversion dagegen, eine Entscheidung treffen zu müssen. Man möchte sich nicht jetzt, sondern lieber später (Aufschieberitis) oder möglicherweise gar nicht positionieren. Verständlich, dass für diese Marktteilnehmer ein Kauf am Allzeithoch mit einem besonders schwindelerregenden Blick vom DAX-Gipfel nach unten in die Tiefe einhergeht.

Ob von den hiesigen Börsianern viele den Einstieg gewagt haben, werde ich für Sie an Hand der heutigen Stimmungserhebung, die ich für die Börse Frankfurt HIER erstellt habe, erläutern. Für diejenigen, die nicht gerne lesen, sei dieses Web-Video (HIER) empfohlen.

 

[1] Bei einem Stopp-Loss im DAX von beispielsweise 500 Punkten würde ein derartiges Kursziel nach dieser Faustregel (3:1 Regel) bei 1500 Zählern liegen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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