Märkte

Höhenangst

von Joachim Goldberg am 26. April 2017

Eigentlich war es eine glasklare Angelegenheit, dass man nach dem Ausgang der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl Aktien kaufen musste. Einzig und allein die Frage des Preises war vor diesem Wahlgang noch offen. So gab es nicht wenige, die für die europäischen Aktienmärkte ein Desaster prognostizierten, falls die beiden antieuropäischen Kandidaten in die Stichwahl gegangen wären: 10,15, im Extremfall sogar 30 Prozent billiger hätte man nach Ansicht mancher Auguren einsteigen können. Sofern man in dieser Situation überhaupt noch den Mut dazu gehabt hätte. Genug auf jeden Fall, um sich gegen einen derartigen Eventual-Sturz vorsichtshalber abzusichern.

Nun ist bekanntermaßen alles anders gekommen, und am Montagmorgen gab es keine Schnäppchenpreise mehr. Das bisherige Rekordhoch des DAX wurde geradezu mit Bravour genommen, und gestern zog der Kurs sogar noch etwas weiter an. Haben wir es nun mit überbordender Euphorie oder „nur“ mit einer Kapitulation der Skeptiker zu tun?

 

Panikkäufe, Kapitulationen und Bezugspunkte

Kapitulationen gibt es nämlich nicht nur in fallenden, sondern auch in steigenden Märkten, wenn man die vielen entgangenen Gewinne (gleichbedeutend mit relativen Verlusten[1]) nicht länger ertragen oder Dritten gegenüber rechtfertigen kann. Kommt dann noch ein neues Allzeithoch hinzu, ist es leicht nachvollziehbar, dass eigentlich nur derjenige kauft, der kaufen muss.

Anderenfalls hat man vielleicht auch einen Bezugspunkt gefunden, dem gegenüber ein später Einstieg immer noch relativ günstig aussieht. Das ist bei einem neuen Rekordhoch, bei dem die Kurse praktisch durch die Decke schießen, schlecht möglich; es sei denn, man ist tatsächlich noch vor diesem Referenzpunkt des 10. April 2015 (12.391) am Montag zur Eröffnung bei knapp 12.300 DAX-Zählern zum Zuge gekommen. Eine Transaktion, die gegenüber dem bisherigen Allzeithoch immer noch ein klein wenig günstiger ausgefallen wäre, wenngleich sie gegenüber dem Korrekturtief vom vergangenen Donnerstag von rund 11.945 Punkten wiederum ziemlich schlecht aussieht. Im ersten Fall handelt es sich also um einen relativen Gewinn, mit dem man ex post ganz gut leben kann – bei der ungünstigen Betrachtungsweise hingegen um einen relativen Verlust, der auch heute nicht zur Euphorie verleitet, weil er noch nicht wettgemacht wurde.

 

Relative Schnäppchen

Es gibt aber dann noch ganz kluge Börsianer, die sich am weniger bekannten DAX-Kursindex orientieren, der Ausschüttungen im Gegensatz zum „normalen“ DAX unberücksichtigt lässt. Der lag gestern zum Schluss immerhin noch knapp 5 Prozent unterhalb seines Allzeithochs vom 10. April 2015. Und wenn man sich diesen Bezugspunkt wählt, ist man selbst noch gestern nicht nur relativ günstig eingestiegen, sondern atmet auch eine wesentlich weniger dünne Luft als derjenige, der sich am DAX Performance-Index orientieren muss und angesichts des Rekordhochs nach einem Aktienkauf lieber nicht nach unten blickt und zumindest gefühlt die schwindelerregende Höhenluft einatmet. Vielleicht hilft es, wenn man sich in einem solchen Fall, sozusagen in einem „uncharted territory“ oder einer „terra incognita“, an der runden Zahl 13.000 als nächstem Gipfel orientiert und sich dann wohler fühlt?

Welche Strategie die Anleger hierzulande gewählt haben, können Sie ab 18:30 Uhr auf jeden Fall meinem heutigen Kommentar zur DAX-Stimmung HIER entnehmen, den ich regelmäßig für die Börse Frankfurt erstelle.

Alternativ dazu können Sie auch gerne sofort mein Video-Interview, das die Börse Frankfurt mit mir heute geführt hat, HIER abrufen.

 

[1] Tatsächlich wiegen echte Verluste stärker als Verluste, die sich aus der relativen Betrachtung entgangener Gewinne ergeben

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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