Märkte Politik

Die große Flucht

von Joachim Goldberg am 19. April 2017

Die überraschende Ankündigung von Neuwahlen in Großbritannien am 8. Juni hatte gestern zu denkwürdigen Reaktionen im britischen Pfund geführt. Zum einen gab es eine für manchen Akteur sicherlich furchterregend anmutende Rallye in Kabelpfunden, bei der die britische Währung am gestrigen Tage in der Spitze um mehr als 3 Prozent gegenüber dem US-Dollar aufwertete. Dass die Marktreaktion so heftig ausgefallen war, dürfte vor allen Dingen daran gelegen haben, dass eine große Mehrheit der Akteure zuvor in Pfund Sterling vermutlich short gewesen war.

Daraus allerdings zu schließen, dass sich die Neuwahlen positiv für das britische Pfund auswirken können, mag dennoch zu kurz gesprungen sein. Denn der dortige Aktienindex FTSE 100 hat sich am selben Tag um fast 2,5 Prozent in der Spitze abgeschwächt, was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass die jüngste Pfund-Stärke auch auf Auflösung von Absicherungen internationaler Aktienengagements gegen einen Wechselkursverfall beruht.

 

Hastige Reaktionen

Reaktionen gab es auch bei den Analysten einiger Bankhäuser, wobei eine davon recht deutlich ausfiel: Weil die Verhandlungsposition der Premierministerin Theresa May bei den Brexit-Verhandlungen mit der EU, gestützt durch eine schätzungsweise breitere Mehrheit bei den Unterhauswahlen, flexibler als zuvor sein dürfte, wurden sogleich alle bearishen Kursziele für die britische Währung zurückgenommen.

Ein für mich auf den ersten Blick sehr drastisch anmutender Stimmungswechsel. Denn man kann durchaus auch die Meinung eines anderen Bankhauses (vgl. Börsenzeitung von heute) vertreten, wonach es die EU-Verhandler hinsichtlich der eigenen Position kaum scheren dürfte, auf welche Mehrheiten sich die Gegenseite im britischen Parlament stützen kann.

Am Ende wird wie bei allen Verhandlungen die Psyche der Beteiligten eine große Rolle spielen. Entscheidend für das Verhalten der Marktteilnehmer ist am Ende ohnehin nur, inwieweit ihre Erwartungen – gemessen an Bezugspunkten und nicht an absoluten Zahlen – erfüllt oder enttäuscht wurden.

 

Aktien der Eurozone sehr beliebt

Kein Wunder, dass die gestern veröffentlichten Ergebnisse der BofA Merrill Lynch- Umfrage unter Fondsmanagern im April medial bislang wenig Beachtung fand. Zumindest musste ich ziemlich suchen, um der wichtigsten Ergebnisse habhaft zu werden.

Danach ist die Vorliebe für europäische Aktien unter den Vermögensverwaltern zuletzt noch einmal deutlich gestiegen. Denn frei nach dem Motto „Raus aus US-Aktien, rein in europäische Werte“ gaben per Saldo 48 Prozent der Fondsmanager an, in Aktien der Eurozone (Vormonat 27 Prozent) übergewichtet zu sein[1]. Im gleichen Zuge zeigt sich nämlich für US-Papiere eine Untergewichtung von netto 20 Prozent der Befragten (nach einer Übergewichtung von noch netto einem Prozent im März) – die fünftgrößte Rotation in Aktien der Eurozone seit 1999[2]. Dazu passt auch, dass 83 Prozent der Investoren US-Aktien – das ist Umfragerekord – für überbewertet halten. Nicht ganz dazu passt allerdings, dass das größte Extremrisiko – allerdings wesentlich niedriger als noch vor zwei Monaten – immer noch in einem Zerfall der EU gesehen wird. Diese Zahlen sind normalerweise ein gefundenes Fressen für sogenannte Contrarians, die sich bei solchen Werten eigentlich von Aktien der Eurozone verabschieden und schleunigst US-Werte kaufen müssten.

Was die hiesigen Anleger derzeit im Sinn haben, können Sie der jüngsten Stimmungserhebung der Börse Frankfurt, die ich HIER kommentiert habe, entnehmen.

[1] Vgl. Reuters

[2] Vgl. zerohedge.com vom 18.4.2017

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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