Allgemein Märkte

Zu viele haben es kommen sehen

von Joachim Goldberg am 22. März 2017

Kommt jetzt die große Korrektur im US-Aktienmarkt? Wenn ja, wurde sie vom Gros der Fondsmanager und Kommentatoren schon längst erwartet. Und es scheint nicht wenige unter ihnen zu geben, die gestern fast so etwas wie Schadenfreude empfanden, als der breitgestreute S&P 500 eine wichtige Serie beendete. Zum ersten Mal seit 109 Handelstagen brach der breitgestreute US-Aktienindex um mehr als ein Prozent ein. Fast wäre auch noch der Rekord von 1995 eingestellt worden, als derselbe Index eine vergleichbare Serie von sogar 110 Tagen beendet hatte. Und dann muss man schon bis 1985 zurückgehen, bis man ein Szenario vorfindet, bei dem der Index nach 112 Tagen „endlich“ einmal wieder einen Tagesverlust von mehr als einem Prozent produzierte. Und mit Erstaunen las ich, dass die bisher längste Serie von 185 Tagen sich bereits in den 1960er Jahren ereignete.

Natürlich sind angesichts dieses gestrigen Tagesverlusts auch hierzulande einige Akteure aufgeschreckt, was angesichts der ausgesprochen niedrigen Volatilität am Aktienmarkt nicht verwunderlich sein sollte. Relativ betrachtet mag dies sicherlich ein Schockerlebnis gewesen sein, aber ist dies tatsächlich mit einem Ende des Aufwärtstrends in den Aktienmärkten dies- und jenseits des Atlantiks gleichzusetzen?

 

Aktien scheinen überbewertet – aber nur in den USA!

Überall begegnet mir die Warnung vor allzu großer Euphorie, gerade was die US-Aktienmärkte angeht. Eine Euphorie, die ich nicht so recht nachvollziehen kann. Schenkt man der jüngsten Fondsmanager-Umfrage von BofA Merrill Lynch Glauben, sind die Akteure vielmehr besorgt, denn per Saldo halten 34 Prozent der Vermögensverwalter Aktien für überbewertet. Das ist immerhin der höchste Wert seit 17 Jahren!

Dieses Ergebnis ist natürlich besonders aus US-Sicht verständlich, wenn per Saldo 81 Prozent der Fondsmanager US-Aktien für überbewertet halten. Und ketzerisch könnte man jetzt anmerken, dass jeder nur das für überbewertet hält, was er selbst nicht (mehr) besitzt.

Das gilt explizit nicht für Aktien der Eurozone, die laut der vom 10. bis 16. März durchgeführten Umfrage netto 23 Prozent der Befragten für unterbewertet halten. Kein Wunder also, dass die Fondsmanager für diese Region eine besondere Vorliebe an den Tag legen: Per Saldo gaben 27 Prozent der Fonds an, in Aktien des Euroraums übergewichtet zu sein.

 

Euphorie sieht anders aus

Damit wird auch verständlich, warum vor allen Dingen viele institutionelle Anleger hierzulande seit einigen Wochen ausgesprochen pessimistisch sind. Sie bilden das Komplementär zu den internationalen Kapitalflüssen, von denen in den vergangenen Wochen auch der DAX profitiert hat. Das Hauptargument der hiesigen Pessimisten besteht eben in einer vor allen Dingen in den USA vorherrschenden vermeintlichen Euphorie, die den dortigen und in der Folge dann auch den hiesigen Aktienmärkten schon bald den Garaus machen werde. Ganz abgesehen von angeblichen Blasenbildungen.

Zieht man jedoch die jüngste Umfrage der American Association for Individual Investors (AAII) zurate, ist von extrem bullisher Stimmung nichts zu spüren. Vielmehr offenbarte diese Befragung in der vergangenen Woche einen Pessimismus, der über dem langfristigen historischen Durchschnitt liegt.

Nein, bei einem so starken Bewusstsein der Investoren für drohende Gefahren kann von Euphorie nicht die Rede sein. Denn Euphorie ist das Kennzeichen einer Kontrollillusion, bei der die Akteure an den Finanzmärkten ebensolche Gefahrenzeichen außer Acht lassen. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die jüngsten Kursrückgänge nicht mehr als eine Korrektur im Aufwärtstrend darstellen.

Wie es um die Stimmung hierzulande steht, können Sie wie immer meinem Kommentar entnehmen, den ich für die Börse Frankfurt dieses Mal HIER zur Verfügung gestellt habe.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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