Gesellschaft Politik Wirtschaft

Ein höchst emotionales Referendum

am
26. Mai 2016

Der Tag der Entscheidung, des Referendums über die Frage, ob Großbritannien in der EU verbleiben oder diese verlassen soll (Brexit), rückt näher, und die Umfragen dazu haben sich in den vergangenen Tagen deutlich verändert. So ergibt sich etwa bei der übergreifenden Befragung („Poll of Polls“) der Financial Times nunmehr eine Mehrheit von 46 Prozent von EU-Freunden gegenüber 40 Prozent EU-Gegnern – 13 Prozent der Befragten sind jedoch immer noch unentschieden.

Wie ich bereits an anderer Stelle erläutert habe, zeigte sich zwischen den Telefon- und den Internet-Umfragen (vgl. politicalbetting.com) ein deutlicher Unterschied. Während bei ersteren das REMAIN-Camp deutlich in Führung lag, ist das Rennen zwischen Befürwortern und Gegnern eines Brexit im Cyberspace noch nicht so klar entschieden.

Interessanterweise lassen sich gerade unter den jüngeren Wählern viele EU-Befürworter finden, während sich bei den Älteren – zuletzt jedoch mit sinkender Tendenz – deutlich mehr EU-Gegner finden. Dies mag auf den ersten Blick im Widerspruch dazu stehen, dass bei den Internet-Umfragen das Brexit-Rennen noch nicht entschieden scheint. Denn normalerweise würde man gerade den jüngeren Wählergruppen eine starke Affinität zum Cyberspace bestätigen, während Telefonumfragen deutlich mehr ältere Bürger erfassen und demnach mehr EU-Gegner aufweisen sollten.

 

Brexit-Befürworter leidenschaftlicher

Eine Erklärung lässt sich vielleicht in der möglichen Wahlbetei­li­gung der Briten beim Referendum finden. Nicht nur, dass mehr als 80 Prozent der über 55-jährigen versprachen, tatsächlich auch am 23. Juni zur Wahl zu gehen, während das Interesse bei den 18 bis 24-jährigen gerade einmal bei gut 20 Prozent liegt (vgl. Observer). Vielmehr besteht außer dem Umstand, dass eben ausgerechnet die Gruppe junger EU-Befürworter möglicherweise nicht zur Wahl geht, auch die Gefahr einer gewissen Apathie im REMAIN-Lager. Diese Neigung, am 23. Juni zu Hause zu bleiben, dürfte sich noch vergrößern, wenn sich während der kommenden Wochen in den Umfragen ein deutlicher Vorsprung zugunsten der EU-Befürworter verfestigen sollte. Nach dem Motto: Auf meine Stimme kommt es sowieso nicht an, es gibt doch genügend andere. Nicht auszudenken, wenn es am Wahltag auch noch regnen sollte!

Mit anderen Worten: Die Befürworter eines Brexit scheinen wesentlich leidenschaftlicher zu sein, und deswegen sind sie vermutlich auch in der Lage, mehr Bürger zu mobilisieren (vgl. auch yougov HIER)als ein sich in Sicherheit wiegendes REMAIN-Camp, von dessen Anhängern im Zweifel zu viele am Tag der Entscheidung zu Hause bleiben und so am Ende womöglich sogar noch zu einem zufälligen Brexit beitragen.

 

Nur eine Bauchentscheidung?

Überdies befürchte ich, dass viele Briten, obwohl sie glauben, in Sachen Referendum rational zu entscheiden, am Ende nicht in der Lage sind, alle möglichen Folgen ihrer Entscheidung zu überblicken. Schließlich handelt es sich um eine vielschichtige Entscheidung, vergleichbar mit dem Mosaik eines Kaleidoskops, dessen Mischungsmöglichkeiten selbst von einem leistungsfähigen Großrechner kaum bewältigt werden können. Gerade wenn es aber um die Vereinfachung komplexer Sachverhalte geht, greifen Menschen nun einmal gerne zu Faustregeln (Heuristiken) aus der Verhaltensökonomik. Mit dem Risiko, dass knallige und dramatische Informationen, besonders, wenn sie kurz vor dem Tag des Referendums lanciert werden, aufgrund des Verfügbarkeitsirrtums übergroßes Gewicht erhalten. Am Ende entscheidet womöglich ganz schnell der Bauch – und nicht der Kopf.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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