Märkte

Unsterbliche Technische Analyse

von Joachim Goldberg am 11. September 2015

Als ich vorgestern im Finanzteil der online-Ausgabe der FAZ las, dass fundamentale Aktienanalysen praktisch wertlos seien[1], dachte ich mir, diese Erkenntnis ist eigentlich nicht neu. Aber der Beitrag geht noch weiter, da er sich auf eine Studie stützt[2], die die Prognosen der Fundamentalanalysten mit denen von technisch orientierten Prognostikern vergleicht. Natürlich haben die Techniker besser abgeschnitten, werden jetzt einige meiner Leser sagen. Das sei doch auch nicht überraschend. Auch ich kam ins Grübeln, zumal ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Technische Analyse seit einiger Zeit hierzulande eine regelrechte Renaissance erfährt. So viel wie jetzt anlässlich der jüngsten Korrektur in den globalen Aktienmärkten wurde selten über die 200-Tage-Linie diskutiert. Bekanntermaßen habe ich Vorbehalte gegen diese Betrachtungsweise, die ich HIER schon einmal geäußert habe.

Das Interessante an dieser Studie ist indes die Erkenntnis, dass die Prognosen der Charttechniker nur bei Einzelaktien treffsicherer sind als die der „Fundis“. Geht es um Aktienindices oder andere Anlageklassen wie Staatsanleihen oder Rohstoffe, treffen die Vorhersagen der Techniker anscheinend genauso wenig ein wie die der Fundamental-Analysten. Verwenden die technischen Analysten bei der Analyse von Aktien womöglich weniger bekannte Indikatoren, um aus den Chartbildern verborgene Informationen –

möglicherweise sogar Insider-Trading-Muster – zu extrahieren, die sich nur auf die einzelnen Unternehmen beziehen? Das wären Informationen, die sich naturgemäß in den breiteren Indices verflüchtigen müssen.

 

Self-fulfilling destruction

Auch ich habe mich vor langer Zeit (und das mit Herzblut) mit der so genannten technischen Analyse beschäftigt und habe Formationen und Kursverläufe der Vergangenheit studiert, um aus früheren Marktpositionierungen der Akteure Rückschlusse zu ziehen, zu welchen Preisen sich in der Zukunft Angebot und Nachfrage  ergeben könnten. Ich habe aber die Chartanalyse vor langer Zeit nicht auf den Müllhaufen geworfen, weil diese Methode immer gerne mit Verschwörungstheoretikern und Kaffeesatzlesern in Verbindung gebracht wurde. Sondern, weil ich durch das Studium der Behavioral Finance zu der Erkenntnis gelangt war, eine tickende Zeitbombe in der Hand zu haben. Allein schon deswegen, weil auch Chartisten vor der selektiven Wahrnehmung von grafischen Bildern genauso wenig gefeit sind, wie Ökonomen und Händler vor der selektiven Auswahl Ihrer Informationen.

Jeder soll mit seiner Lieblingsanalysemethode glücklich werden. Und ich will auch gar nicht den Stab über technische Analysten brechen. Ein Irrglaube hält sich jedoch, immer noch hartnäckig: Die Idee, dass Charts vor allen Dingen deswegen gut funktionierten, weil so viele Akteure ihnen folgen. Genau diese sich selbst erfüllende Prophezeiung wurde mir schon vor Jahrzehnten von Kritikern immer wieder entgegengehalten.

Wenn das doch nur gestimmt hätte!

Leider habe ich immer wieder das Gegenteil erfahren. Denn je mehr Chartjünger an einem bestimmten weithin kommunizierten Preisniveau als Folge bestimmter Kauf-oder Verkaufssignalen handeln, desto schneller und kräftiger reagieren die Kurse an dieser Stelle, so dass der kleine vermeintliche Vorteil gegenüber der Masse der Marktteilnehmer schnell dahinschmilzt. Man könnte auch sagen, aus der self-fulfilling prohecy wird mit zu starkem Gebrauch eines Handelsansatzes jedweder Art eine self-fulfilling destruction, eine sich selbst erfüllende Zerstörung. Weil sich große, schwere Marktteilnehmer freuen, wenn eine Analysemethode – dazu gehören auch fundamentale und ökonomische Analysen – en vogue ist. Nicht weil sie ihren Signalen folgen möchten. Im Gegenteil. Solche Marktteilnehmer können nur dann weitestgehend unbemerkt etwa als Käufer agieren, wenn möglichst viele der anderen Akteure an den „Untergang“ glauben. Oder verkaufen, wenn der Rest der Welt euphorisch ist.

Am Ende ist die Aufzeichnung vergangener Kurse dennoch sinnvoll – sofern sie man unvoreingenommen wahrnimmt und die richtigen Schlüsse aus Ihnen zieht. Chartmuster, Wolkenbilder und die Prognosen aus 200-Tage-Linien gehören für mich jedenfalls nicht dazu.

 

 

[1] Vgl. Kuls, Norbert in FAZ.net, gelesen am 9. September 2015: „Fundamentale Aktienanalyse ist praktisch wertlos“

[2] Avramov D., Kaplanski G., Levy H.: Talking Numbers: Technical versus Fundamental Recommendations, Version vom 20. August 2015, Hebrew University of Jerusalem und Bar-Ilan University, Israel

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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