Märkte

Wider die freien Marktkräfte

von Joachim Goldberg am 2. September 2015

Auch die vergangenen Handelstage an der Börse standen ganz im Zeichen der Entwicklung an den chinesischen Aktienmärkten. Dabei versuchen uns besonnene Stimmen immer wieder klarzumachen, dass die Entwicklung der chinesischen Ökonomie mit derjenigen der Aktienmärkte wenig zu tun habe. Und weil diese ja ursprünglich nicht wegen der chinesischen Konjunktur überproportional angestiegen seien, möge man jetzt auch nicht allzu viel in die starke Korrektur der Aktienmärkte hineinlesen. Natürlich mag die rückläufige Entwicklung der chinesischen Konjunktur für manche besorgniserregend sein, aber das Wachstum befindet sich nicht wie etwa der Shanghai Composite Index im freien Fall.

Einzig und allein bedenklich stimmt das Verhalten der chinesischen Behörden, die sich im wahrsten Sinne des Wortes mit aller Gewalt gegen einen weiteren Einbruch der Aktienkurse stemmen. Längst werden nicht nur Leerverkäufer kriminalisiert, sondern wer sich kritisch zum Aktienmarkt äußert, muss offenbar mit Einschüchterungen und Repressalien rechnen. Und dabei geht es nicht um einzelne, wenige Personen, sondern anscheinend um Hunderte von Investoren, von denen einige durchaus bedeutend sind. Es ist schon bezeichnend, wenn man einen Reporter für den Einbruch des eigenen Aktienmarktes verantwortlich machen will. Oder wenn heute etwa auf zerohedge.com ein Beitrag mit dem Zitat eines Vermögensverwalters überschrieben ist: “Wenn ich nicht nach Hause komme, kümmere Dich um meine Frau“. Dann wird einem sofort klar, wie sich Investoren dortzulande fühlen.

Dabei geht es nicht nur um die Verfolgung etwaiger Leerverkaufsaktivitäten, sondern dem Vernehmen nach auch um die engmaschige Überprüfung von Handelsstrategien der Investmentfonds durch die dortigen Regulierer. Möglicherweise verbunden mit der freundlichen Aufforderung, mit Aktienkäufen dem dortigen Markt wieder auf die Sprünge zu helfen.

All diese Geschichten tragen nichts zur Vertrauensbildung in die chinesischen Aktienmärkte bei. Denn ein Markt, bei dem eine Seite, in diesem Falle die Verkäufer, ausgeschaltet werden soll und in dem man eines Tages womöglich noch nicht einmal seine Gewinne realisieren darf, vertreibt auch etwaige Käufer. Da kann man sich lange damit zu beruhigen versuchen, der chinesische Aktienmarkt reflektiere nicht die tatsächlichen ökonomischen Verhältnisse in China und habe hierzulande – „rational betrachtet“ – deswegen nur begrenzte Auswirkungen auf das Geschehen am Aktienmarkt. Vielmehr muss man wohl befürchten, dass unerwünschte Marktkräfte auch in anderen Bereichen ausgeschaltet werden.

Dennoch bleibt der Optimismus der Börsianer hierzulande ungebrochen – die jüngste Stimmungserhebung der Börse Frankfurt habe ich dieses Mal HIER kommentiert.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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