Behavioral Living Gesellschaft

Auf dem Weg zum Glück (3)

von Joachim Goldberg am 28. April 2015

Heute möchte ich den letzten Teil der Trilogie zur Bedeutung von Aufmerksamkeit in der Glücksforschung, die mein früherer Mitstreiter, Herman Brodie vor längerer Zeit* erstellt hat, vorstellen. Dieses Mal geht es darum, ob man von einem klammen Mitmenschen, dem man mit einem Geldgeschenk oder einem großzügigen Darlehen aus der Patsche geholfen hat, erwarten darf, dass er diese Zuwendung auch sinnvoll verwendet. Spender und Empfänger haben nämlich häufig eine recht unterschiedliche Vorstellung darüber, was sinnvoll ist. Die vorherigen Teile der Trilogie finden Sie übrigens HIER und HIER.

 

 

Aufmerksamkeit Teil 3: Von Almosen und Spendern

von Herman Brodie

 

Wenn wir etwas kaufen möchten, von dem wir erwarten, dass es uns glücklich machen wird, sollten wir nicht primär darüber nachdenken, ob wir es tatsächlich wollen oder ob das Objekt der Begierde gar zu teuer ist. Vielmehr sollten wir herausfinden, ob das zu Erwerbende unsere Aufmerksamkeit auch in Zukunft, also beim alltäglichen Gebrauch, an sich binden wird. Ist das nicht der Fall, ist es unwesentlich, ob wir das Gekaufte mögen, geschweige denn, was es gekostet hat.

Das Gleiche gilt übrigens auch, wenn wir Geld ausgeben, um Dingen, die wir nicht mögen, aus dem Weg zu gehen. Dabei sollten wir uns weniger um die Intensität noch die Dauer dessen kümmern, was unser Missfallen erregen könnte. Vielmehr ist für uns entscheidend, wie oft solche Gemeinheiten und negativen Dinge unsere Aufmerksamkeit erregen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Ausgabeverhalten armer Menschen, das ich an dieser Stelle etwas näher beleuchten möchte.

Gutmenschen regt wahrscheinlich nichts mehr auf, als wenn sie Bedürftigen ein Almosen zukommen lassen und diese dann das Geld für ein Kabel-TV-Abonnement, Zigaretten oder Lottoscheine ausgeben. Schnell fragt man sich dann: Warum müssen diese Menschen ihre wertvolle Zeit mit sinnlosen Game-Shows und dummen Telenovelas verschwenden, statt ihre Energie etwa für die Jobsuche sinnvoll einzusetzen? Warum tun diese Menschen Dinge, die nachweislich schlecht für ihre Gesundheit sind und ihre Lebenserwartung und ihr Leistungsvermögen senken – bei gleichzeitiger Steigerung der Gesundheitskosten? Aus der Armut hilft ihnen das alles nicht heraus. Warum müssen ausgerechnet diese bemitleidenswerten Leute an Spielen teilnehmen, deren Gewinnchancen einen negativen Erwartungswert haben? Wäre es nicht besser, dieses Geld auf ein Ausbildungskonto für die Kinder einzuzahlen, damit diese später wenigstens eine Chance auf sozialen Aufstieg haben? Kurzum: Warum verwenden die Almosenempfänger Geld nicht genauso sinnvoll wie ihre großherzigen Gönner?

 

Enttäuschte Spender

Der Grund, warum großzügige und wohlhabende Spender so oft vom Verhalten der von ihnen Beschenkten enttäuscht sind, liegt darin, dass sie sich ein Leben in Armut schlichtweg nicht vorstellen können. Sie vermögen sich einfach kein Bild darüber zu machen, wie es sich anfühlt, stundenlang eine langweilige und schmutzige Arbeit gegen niedrige Bezahlung verrichten zu müssen. Oder wie es ist, in einer heruntergekommenen Wohnung zu leben, sich permanent Sorgen machen zu müssen, was der nächste Tag wohl bringen wird.

Wer kein Geld hat, wird seine ganze Aufmerksamkeit zwangsläufig seiner Armut widmen. Wenn aber so jemand an etwas anderes zu denken versucht, führen ihn die Gedanken automatisch immer wieder zu seinem persönlichen Elend zurück.

Daher bringt jede erfolgreiche Ablenkung von dieser Situation, und sei es auch nur für kurze Zeit, für das Wohlbefinden und die Gesundheit des Betroffenen möglicherweise enorme Vorteile mit sich. Damit möchte ich nicht sagen, Zigarettenkonsum, Glücksspiele und Kabel-Fernsehprogramme seien per se gut. Aber sie haben durchaus positive Eigenschaften, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sein mögen. Natürlich können auch Glücksspiele mit geringem Einsatz – wenn man etwa nur eines statt zehn Felder auf dem Lottosschein bespielt – oder preisgünstige Freizeitaktivitäten das gleiche Maß an Ablenkung wie teure Ausflüge bringen. Dennoch kann man nicht davon ausgehen, dass das Ausgabeverhalten der großzügigen Spender und das ihrer armen Nutznießer gleich sind. Denn beide maximieren ihr Glück bzw. minimieren ihr Unglück mit unterschiedlicher Zielsetzung.

 

* (erschien im August 2013 schon einmal unter blognition.de)

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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