Märkte

Darum entscheiden sie nicht

von Joachim Goldberg am 25. März 2015

Eigentlich sind sich viele Marktteilnehmer darüber einig, dass die US-Notenbank im Juni dieses Jahres oder auch erst im September die Zinswende einläuten wird. Manche sprechen neuerdings sogar erst von Dezember 2015. Auch innerhalb des Offenmarktausschusses der Fed (FOMC) wird mittlerweile erkennbar, dass sich selbst grundsätzliche Befürworter einer tendenziell lockeren Geldpolitik für eine erste Zinserhöhung in diesem Jahr aussprechen. Dies geht aus den jüngsten Wortmeldungen von Fed-Vizepräsident Stanley Fischer, James Bullard (Fed St. Louis), John Williams (Fed San Francisco) und Denis Lockhart (Fed Atlanta) hervor, die jedoch teilweise derzeit nicht stimmberechtigt sind.

Unter dem Strich gewinnt man den Eindruck, dass ein erster Zinsschritt nicht nur gerechtfertigt, sondern von den Finanzmärkten bereits eingepreist ist. Warum also nicht bald die Leitzinsen um 25 Basispunkte oder etwas mehr erhöhen? Ohnehin wird man für einen derartigen Schritt nie den richtigen Augenblick erwischen, und genau das scheint auch die größte Angst innerhalb des FOMC zu sein. Nichts wäre schlimmer, als eine Zinserhöhung vorzunehmen, die man hinterher angesichts einer konjunkturellen Abkühlung – wie es vor Jahren der Bank von Japan nicht nur einmal erging – womöglich wieder zurücknehmen müsste.

Gerade in den jüngsten Bemerkungen Stanley Fischers anlässlich eines Vortrags in New York tritt diese Entscheidungsproblematik besonders deutlich zu Tage. Nicht nur dass sich der Fed-Vize bezüglich des Zeitpunkts für eine Zinswende nicht festlegen möchte. Vielmehr macht Fischer deutlich, dass der Offenmarktausschuss keineswegs die Absicht habe, eine Politik gleichmäßiger und vorhersagbarer Zinserhöhungen, wie sie in den Jahren 2004 und 2007 praktiziert wurde, noch einmal zu wiederholen. Und wenn Fischer in der „Financial Times“ mit der Aussage zitiert wird, es werde wahrscheinlich in Zukunft keine explizite „forward guidance“ (Leitlinie) der Fed geben, ist das nicht nur als Zeichen für weniger Transparenz in Sachen Notenbankpolitik zu werten. Vielmehr steckt darin der Hinweis darauf, dass man sich schwer tut, selbst nur ein oder zwei kleine Schritte in Richtung einer Zins-Normalität zu gehen. Es ist die Angst vor einer Fehlentscheidung, die im Zweifel zum Festhalten am Status quo, nämlich alles so zu belassen wie es ist, verführt.

Mehr Entscheidungsfreude haben unterdessen die von der Börse Frankfurt allwöchentlich befragten mittelfristig orientierten Marktteilnehmer bewiesen. Hier ist es nämlich zu einer Art verdeckter Kapitulation gekommen, die ich HIER kommentiert habe.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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