Märkte Wirtschaft

Juli-Daten mit tagesaktueller Wirkung

am
10. September 2014

Es erstaunt mich immer wieder, wie leicht sich Marktteilnehmer von Studien beeinflussen lassen und wie schnell sie daraus Schlüsse auf die zukünftigen Schritte einer Notenbank ziehen. So auch gestern. Auslöser war eine Studie der Federal Reserve Bank aus San Francisco. Darin äußern die Autoren, Jens H. E. Christensen und Simon Kwan, die Vermutung, dass der Zinserhöhungszyklus in den USA nicht erst wie vielerorts erwartet im dritten Quartal 2015 beginnen wird. Außerdem würden ihrer Meinung nach sowohl Markterwartungen als auch Modelle zeigen, dass die Akteure irrigerweise eine lockerere Geldpolitik als die Teilnehmer des FOMC (Offenmarktausschuss der US-Notenbank) erwarteten. Auch seien sich die Marktteilnehmer ihrer Sache sicherer als der FOMC selbst.

Bei genauerem Hinsehen ist mir jedoch aufgefallen, dass die zum Vergleich hinzugezogenen FOMC-Prognosen („dots“) vom Juni und die den Modellen zugrundeliegenden Daten aus der Zeit vom 23. bis zum 31. Juli 2014 stammen. Auch die Befragung der Marktteilnehmer fand in diesem Zeitraum statt. Bereits damals zeigte man sich übrigens innerhalb der US-Notenbank über die Gleichgültigkeit der Marktteilnehmer und die extrem niedrige Volatilität des Aktienmarkts besorgt. Kurz darauf kam es ja dann auch zu einer entsprechenden Abwärtskorrektur, die hierzulande sogar mit zehn Prozent wesentlich höher als im US Aktienmarkt ausgefallen war.

 

Den Frosch langsam ins Wasser lassen

Seit Wochen wird darüber spekuliert, ob die Notenbank nun mit ihrem Zinserhöhungszyklus früher als ursprünglich gedacht beginnen wird, wobei ein besonderes Augenmerk auf der Sitzung des Offenmarktausschusses am kommenden Mittwoch gerichtet ist. Wird Janet Yellen womöglich den Begriff „considerable period“ in ihrer Presseerklärung streichen, wenn es um die etwaige Dauer der ultraniedrigen Zinsperiode geht? Ich finde dieses Herumgerate ohnehin blödsinnig. Aber wenn es der Notenbank darum gehen sollte, die Finanzmärkte nicht mit einer plötzlichen Zinswende schockieren zu wollen, könnte sie sich eines Bildes aus der Verhaltensökonomie bedienen.

Denn Menschen empfinden den Widerwillen gegen eine bestimmte Situation nicht als absolute Größe, sondern relativ. Um dieses Phänomen erklären zu können, bedient man sich manchmal der Legende des kochenden Frosches. Ein Frosch, der in heißes Wasser geworfen wird, wird nämlich sofort versuchen, wieder aus dem Topf herauszuspringen. Wenn man das arme Tier indes in kaltes Wasser setzt und dieses nur langsam erhitzt, wird das Geschöpf es in aller Ruhe hinnehmen, wie man es langsam zu Tode kocht. Das ist selbst für mich, dessen Herz für Tiere nicht besonders leidenschaftlich schlägt, ein fürchterlicher Gedanke.

Übertragen auf die Welt der US-Leitzinsen hieße das jedoch, dass die Notenbank direkt nach dem völligen Zurückfahren der Anleihekaufprogramme, also mit der Dezember-Sitzung, damit beginnen könnte, die Zinsen bei jedem Treffen um fünf Basispunkte anzuheben. Die Akteure an den Finanzmärkten würden einen derartigen ersten Schritt kaum wahrnehmen und aufgrund schneller Gewöhnung an weitere auch nicht wirklich spüren, dass die Fed Funds – ausgehend etwa vom unteren Bereich der seit Ende 2008 gültigen Spanne von 0 bis 0,25 Prozent – bereits im Juni 2015 bei 0,35 Prozent stehen könnten.

Die Anleger hierzulande scheinen sich derzeit kein einheitliches Bild von der künftigen Politik der EZB und Fed machen zu können. Zumindest hielt die heutige Stimmungsumfrage der Börse Frankfurt Überraschendes parat, das ich HIER kommentiert habe.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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