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Warum man aus eigenen Fehlern nicht gut lernt

am
9. September 2014

Im Volksmund heißt es, aus Fehlern werde man klug. Auch ich habe immer gedacht, es wäre etwas dran am typischen Spruch eines Börsianers, wenn er behauptet: „Heute habe ich gewonnen – (aber nur) an Erfahrung“. Womit man eigentlich die Tatsache umschreiben möchte, dass man normalerweise eher aus Verlusten denn aus Gewinnen lernt. Ich war mir allerdings nie ganz sicher, ob Menschen überhaupt lernfähig sind.

Nun ist mir vor ein paar Tagen eine Studie in die Finger gekommen, die, wenn es ums Lernen geht, zu überraschenden Schlüssen kommt[1]. So haben Wissenschaftler die Daten von 71 Herzchirurgen über einen Zeitraum von zehn Jahren analysiert und den Verlauf von 6500 Eingriffen der minimal-invasiven Herzchirurgie untersucht. Eine Studie in diesem Bereich hat sich anscheinend deswegen angeboten, weil sich schwerwiegende Fehler von Herzchirurgen besonders dramatisch auswirken und häufig zum Tod des Patienten führen. Außerdem wurden in den betroffenen Krankenhäusern Risiken und Erfolg dieses Ende der 1990er Jahren neu eingeführten operativen Eingriffs genau dokumentiert. Deswegen konnte nicht nur die Lernkurve der Ärzte in der Anwendung dieser Technik verfolgt werden. Noch interessanter war es für die Wissenschaftler, herauszufinden, ob Chirurgen aus ihren Fehlern lernten oder ob ihnen sogar noch weitere unterliefen.

Das Ergebnis war frappierend, denn es stellte sich heraus, dass Individuen mehr aus ihren Erfolgen als aus den von ihnen begangenen Fehlern lernten. Dabei bezieht sich die Studie auf die so genannte Attributionstheorie aus der Psychologie. Danach versuchen Menschen, sich ihre Welt so zurechtzulegen, dass sie von sich ein möglichst positives Selbstbild aufrechterhalten können. Mit anderen Worten: Erfolge und Misserfolge werden Umständen zugeschrieben, die das eigene Tun in einem günstigen Licht erscheinen lassen.

Während Erfolge gerne den eigenen Fähigkeiten – Intelligenz, Kompetenz und besonderem Einsatz – zugeschrieben werden, neigen Menschen häufig dazu, Fehler nicht bei sich selbst zu suchen, sondern auf externe Einflussfaktoren zu schieben, die sich ihrer Kontrolle entziehen – für eigenes Versagen werden also ungünstige Umstände, andere Menschen oder einfach nur eine Pechsträhne verantwortlich gemacht. Wer so den wahren Ursachen seiner Fehler nicht auf den Grund geht, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit an seiner falsche Strategie festhalten. Ein Phänomen, das wir aus den Finanzmärkten kennen, wo derart uneinsichtiges Verhalten nicht nur zu einer dauerhaft schlechten Performance, sondern häufig sogar auch noch zu einer Erhöhung der Einsätze, des Commitments, führt.

 

Paradox des Versagens

Die Attributionstheorie geht aber noch weiter. Individuen lernen nicht nur aus ihren eigenen Erfahrungen, sondern auch aus den Verhaltensweisen anderer. Da sieht die Welt schon wieder ganz anders, nämlich um 180 Grad verkehr, aus. Denn die Fehler anderer werden oftmals diesen direkt zugeschrieben: Mangelnde Ausbildung, Inkompetenz, Dummheit, grobe Fahrlässigkeit et cetera. Sind andere hingegen erfolgreich, ist das meist nicht deren besonderen Fähigkeiten, sondern äußeren Umständen geschuldet. Schnell sagt man sich: „Der hat doch einfach nur Glück gehabt“.

Diese Sichtweise, die bei neidischen Menschen besonders stark ausgeprägt sein mag, hat in Sachen Lernen immerhin einen wesentlichen Vorteil. So konnten die Forscher zeigen, dass Individuen viel eher aus den Fehlern der anderen als aus deren Erfolg lernen. Glück und günstige Umstände gelten als externe Faktoren, die man nicht beeinflussen kann. Aber aus den Fehlern der anderen, für die man diese vollumfänglich verantwortlich macht, lernt man gerne, damit einem nicht das Gleiche passiert.

Kein Wunder, wenn die Wissenschaftler von einem Paradox des Versagens („paradox of failure“) sprechen, nachdem sie aus der Praxis belegten, dass die Menschen besser von den Fehlern der anderen als von ihren eigenen lernen. Im Gegensatz zum eigenen Erfolg, aus dem man offenbar noch mehr als aus eigenen Fehlern lernen kann.

[1] Diwas KC, Bradley R. Staats, Francesca Gino (2013): Learning from My Success and from Others‘ Failure: Evidence from Minimally Invasive Cardiac Surgery, Management Science 59(11): 2435-2449.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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