Behavioral Living Gesellschaft

Don Giovanni reloaded

am
24. Juni 2014

War am Samstag mit meiner Frau in der Oper. Trotz ausverkauftem Haus, wahrscheinlich wegen des gleichzeitig stattfindenden Fußballspiels Deutschland gegen Ghana, hatte ich bei eBay doch noch zwei der heißbegehrten Karten für die Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni erstehen können. Sie wissen schon, Don Giovanni, das ist der mit den vielen Frauen – auf Spanisch: Don Juan. Wir genossen die Oper, das Schauspiel um jenen großen Verführer, der nicht nur seine Frau Donna Elvira betrügt („Treu zu sein wäre grausam gegenüber all den anderen“), sondern auch viele andere Damen ins Unglück stürzt.

Und wieder einmal ist mir die Ambivalenz der Frauen, denen dieser weltberühmte Verführer das Herz bricht, aufgefallen. Einerseits sind die Damen hingerissen von der Attraktivität und dem Nimbus Don Giovannis, fast schon wollen sie seinen Lockungen nachgeben, um sich dann aber doch in letzter Sekunde darauf zu besinnen, was für ein Schuft er doch eigentlich ist. Aber wenn es hart auf hart geht, dann wäre Donna Elvira eben doch bereit, ihrem Mann alle Missetaten zu verzeihen. Weil sie ihn immer noch liebt.

Doch vermittelte zumindest die Frankfurter Inszenierung den Eindruck, dass Giovannis Attraktivität selbst als Bösewicht und Egomane alternativlos ist. Denn die anderen rechtschaffenen jungen Männer und Verlobten von Donna Anna und Zerlina wirken im Vergleich zu Don Juan doch eher bieder und farblos, so dass das Leben an ihrer Seite nicht gerade einem endlosen Feuerwerk der Leidenschaft gleichen dürfte.

 

Ohne Regret-Aversion

Ja, irgendwo bewunderte auch ich die Figur des Giovanni und auch der Herr zwei Plätze neben mir hatte so ein Strahlen in seinen Augen, dass ich den Eindruck hatte, er wolle auf der Stelle in den Mantel dieses Frauenverführers schlüpfen. Auch wenn dieser in der Frankfurter Inszenierung bereits sehr stark im Altern begriffen schien. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn zumindest Behavioral Economics Freaks müssen einfach ein Faible für Don Giovanni haben, weil er trotz all’ seiner Untaten nicht im mindesten Bedauern oder Reue verspürt. „Regret Aversion“, die Angst des Entscheiders (und Börsianers) vor einem Fehlgriff oder -tritt, ist ihm vollkommen fremd.

Trotzdem muss er bekanntlich immer wieder den Attacken der rachsüchtigen Liebhaber durch allerlei Tricks entkommen. Und das gelingt ihm so gut, dass sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten (wir sprechen in diesem Falle von Overconfidence) fast ins Unermessliche wächst. Auch wenn sein Diener Leporello (für einen mittelprächtigen Bonus, versteht sich) immer wieder den Kopf für ihn hinhalten muss. Sein Selbstvertrauen ist so unerschütterlich, seine Furchtlosigkeit so grenzenlos, dass er am Ende sogar den Steinernen Gast, die Verkörperung des Todes, zum Abendessen einlädt.

Und dann wurde sie wieder einmal gesungen, die Arie des Komturs, bei dessen kurzem, aber extrem wichtigem Auftritt nichts schiefgehen darf. Sonst käme der immer noch rein gar nichts bereuende Don Giovanni –  wir würden seine Gemütslage als „gefangen in der Commitment-Falle“ bezeichnen – nämlich nicht in die Hölle. Denn die Oper endet ja nicht ohne den tröstlichen Hinweis, dass am Ende doch stets das Gute siegen wird.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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