Märkte

Punktum

von Joachim Goldberg am 11. Mai 2014

Als ich mir gestern eine Abschrift der jüngsten Rede durchlas, die Richard W. Fisher, Präsident der Federal Reserve Bank Dallas und Mitglied des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) vor der Bankers Association in Louisiana gehalten hatte[1], war ich doch einigermaßen über dessen Offenheit erstaunt.

Es ist nicht allzu lange her, dass sich die Teilnehmer an den Finanzmärkten sowie zahlreiche Ökonomen mit einer Vorhersage-Grafik des FOMC zur Entwicklung der Fed Funds, der so gennannten dot-chart intensiv befassten. Dabei bilden die „dots“ die Zinsprognosen eines jeden einzelnen Mitglieds des Offenmarktausschusses ab. Jeder von ihnen muss dabei vorhersagen, wie sich seines Erachtens die Zinsen zum Ende des laufenden und der beiden darauf folgenden Jahre sowie längerfristig entwickeln werden. Das Diagramm ist genauso wie die ökonomischen Projektionen der Notenbank (Summary of Economic Projections) Bestandteil einer Politik der Transparenz, der so genannten forward guidance, mit der die Federal Reserve Entscheidern – seien es Konsumenten, Investoren oder Banker – Planungshilfe geben möchte.

Zuletzt wurden die „dots“ nach der Sitzung des FOMC am 19. März publiziert und erregten damals großes Aufsehen, weil die Median-Vorhersage für das Jahr 2015 von 0,75 auf ein Prozent und für das Jahr 2016 von 1,75 auf 2,25 Prozent erhöht wurde.

Obgleich bereits Fed-Präsidentin Janet Yellen während der Pressekonferenz im Anschluss am die damalige Sitzung klarstellte, dass diese Vorhersagen im Grunde doch wenig Aussagekraft besäßen, wollten die Spekulationen über einen vorgezogenen Ausstieg der Notenbank aus der Niedrigzinspolitik nach Abschluss des Tapering-Programms, dem Zurückfahren der Anleihekäufe, kein Ende nehmen. Wenn nun Richard Fisher in das gleiche Horn wie die Fed-Präsidentin stößt und die Ergebnisse der „dots“ zu relativieren versucht, ist dies durchaus verständlich.

 

Prognosen der FOMC-Mitglieder nur „best guesses“

Aber Fisher ging noch weiter und bezeichnete die Prognosen mit Nachdruck lediglich als „best guesses“ und die Ergebnisse der ökonomischen Projektionen als fehlerhaft. Zum einen, weil es sich bei den Mitgliedern bei voller Besetzung des FOMC zwar um zwölf Regionalpräsidenten und sieben Vorstandsmitglieder handele, die aber trotz ihrer hervorragenden Ausbildung nicht vor menschlichen Irrtümern und Fehleinschätzungen gefeit seien. Zum anderen würden sich außerdem die Größe und Zusammensetzung des Ausschusses sowie die Auswahl der stimmberechtigten Mitglieder mit schöner Regelmäßigkeit ändern, was naturgemäß ebenfalls die Aussagekraft der Zinsprognosen beeinflussen dürfte.

Fisher betonte, die Notenbank verfüge über die besten ökonomischen Denker des Planeten, aber dennoch sei kein Mitglied des FOMC ein Wahrsager à la Nostradamus. Deswegen sei er auch verwundert, dass sich die analytisch [denkende] Gemeinschaft [der Akteure an den Finanzmärkten] und die Marktökonomen so sehr auf die „dots“ fixieren würden; einige Analysten würden die „dots“ regelrecht anbeten, meinte Fisher und nannte in diesem Zusammenhang den Chefökonomen einer internationalen Investmentbank namentlich als Beispiel für diese Haltung. Am Ende gehe die Beschäftigung mit diesen „Prognosepunkten“ so weit, dass der Präsident der Dallas-Fed nicht erstaunt wäre, wenn demnächst Wetten über die vierteljährlichen Veränderungen dieser Prognosen angeboten würden.

 

Schafft die „dots“ ab!

Muss man nun am Ende herausfinden, welcher Vorhersagepunkt auf der Grafik welchem FOMC-Mitglied zuzuordnen sei oder soll man nur den Zentralwert der Vorhersagen veröffentlichen anstatt das ganze Schaubild zu zeigen? Alles ungelöste Fragen, die eher Verwirrung als Transparenz stiften.

Am Ende machte Fischer den einzig sinnvollen Vorschlag, den man vielleicht auch bei anderen ökonomischen Prognosen beherzigen sollte: Wenn die Chart mit dem Gewimmel von „dots“ ohnehin nur Verwirrung schaffe, könne man dieses Planspiel doch einfach ganz abschaffen – dem habe ich nichts hinzuzufügen. Dieser Punkt geht eindeutig an Fisher.

 

[1]Fisher, Richard W. (May 9th, 2014): “Comments on Tailored Regulation and Forward Guidance“, Remarks before the Louisiana Bankers Association 114th Annual Convention and Expo, New Orleans, Louisiana

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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