von Joachim Goldberg am 14. April 2014

Las kürzlich eine Anzeige, die das Buch Gegen den Schwarm – aus eigener Kraft erfolgreich werden bewarb. Nun habe ich dieses noch nicht gekauft und bislang auch nicht gelesen. Dennoch hat der Titel bei mir einige Assoziationen hervorgerufen. Nicht weil ich einen Ratgeber brauche, um erfolgreicher zu werden. Aber der Begriff „Schwarm“ taucht momentan häufig auf, als Titel des Bestsellerromans von Frank Schätzing und in dem von der Netzgemeinde geschaffenen Kompositum der „Schwarmintelligenz“. Auch die Behavioral Finance beschäftigt sich mit diesem Phänomen, wenn auch unter der Bezeichnung „Herdenverhalten“, etwas, das vor allen Dingen Kommentatoren immer gerne in Anschlag bringen, um das Marktgeschehen zu erklären. Denn unter dieser Metapher kann sich jeder sofort etwas vorstellen. Schon sieht man sie laufen, eine wilde Horde blökender Schafe, die alle in die gleiche Richtung hinter dem Kurstrend herrennen und alles, was sich ihnen in dem Weg stellt, niedertrampeln. Angetrieben werden sie von Normen, denen sich Börsianer nur schwer entziehen können.

Und weil es sich beim Herdenverhalten um einen simplen, überall in der Natur zu beobachtenden Mechanismus handelt, glaubt man aufgrund dieses Verfügbarkeitsirrtums, dieses sei für den smarten Teilnehmer am Aktienmarkt zum eigenen Vorteil relativ leicht ausnutzbar.

Denn zum einen ist man überzeugt, die Masse der Teilnehmer an den Märkten habe sowieso nie recht. Und zum anderen wird behauptet, Herden seien träge und verhielten sich oft irrational. Doch sind das Behauptungen, die schwer nachweisbar sind. Dennoch lassen sich einige wichtige Erkenntnisse aus dem Herdenverhalten gewinnen, zum Beispiel der Umstand, dass dieses durch Normen begünstigt wird. Und diese Normen werden an den Finanzmärkten durch anerkannte und vielbeachtete Analysten begründet. Viele Börsianer richten ihre eigenen Entscheidungen gerne an solchen Mehrheitsmeinungen aus, weil sie sich durch die Akzeptanz dieser Normen selbst bestätigt und bei ihren Entscheidungen sicherer fühlen. Eine Abweichung von diesen Normen bedeutet hingegen, sich mit Unverständnis und Kritik von Seiten der Mehrheit auseinandersetzen zu müssen, und vor allem ein höheres Commitment, eine stärkere Bindung an die eigene Entscheidung, als wenn man mit dem Strom schwimmt, weil man sich damit zu einem eigenen Urteil über die Lage bekennt.

 

Wann Contrary Opinion sich auszahlt

Dennoch hat sich schon vor vielen Jahrzehnten an den Futures-Märkten die Strategie der so genannten Contrary Opinion etabliert, wonach es sich angeblich auszahlen soll, wenn man seine Meinung gegen die der Masse ausrichtet. Grob gesagt: Wenn die Mehrheit der Börsianer optimistisch ist, solle man besser verkaufen, weil die Herde schon gekauft hat. Ist diese hingegen extrem pessimistisch, sollte man, zumindest diesem Ansatz zu Folge, kaufen. Also gegen den Schwarm handeln. Das hört sich zunächst spannend und profitabel an, weil eine derartige Strategie impliziert, womöglich am Höhepunkt einer Bewegung verkaufen bzw. am untersten Punkt einer Aktienkursentwicklung einsteigen zu können.

Dennoch rate ich, nicht blindlings nach diesem Grundsatz zu handeln. Denn – um im Bild zu bleiben – kann man als Contrarian auch von der Herde schlicht überrannt werden. Aus Sicht der Behavioral Finance erscheint eine derartige Strategie ohnehin nur dann sinnvoll, wenn die Herde groß genug ist und mit ihren Investments schief liegt und so aufgrund ihrer Abneigung dagegen, Verluste zu realisieren (Verlustaversion), in ihrem Handeln  gefesselt bleibt. Ein (wenn auch nicht immer exaktes) Instrument, solche Marktsituationen zu erkennen, stellen Sentiment-Erhebungen dar. Dennoch sind nur wenige Akteure tatsächlich in der Lage, aus solchen Marktgegebenheiten Kapital zu schlagen. Weil sie in diesem Moment einsam sind und von anderen Investoren, die sich der Herde angeschlossen haben, weder argumentativ noch im Handeln bestätigt werden. Mit anderen Worten: Gegen den Strom zu schwimmen kann, sofern sich nicht sofort Gewinne einstellen, ganz leicht zu kognitiver Dissonanz führen. Und die muss man erst einmal aushalten können.

Vielleicht kann man es trainieren, derartige Dissonanzen zu überwinden, um zu einem erfolgreichen Contrarian zu werden. Wenn solche Übungen allerdings tatsächlich zum Erfolg führen und von vielen Menschen kopiert werden könnten, ergäbe sich jedoch eine ganz andere Gefahr: Nämlich zu einem neuen Investoren-Schwarm zu gehören, zu genau so einer Herde, die ebenso blind und geschlossen, nur aber in die andere Richtung rennt.

SCHLAGWÖRTER

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3 Kommentare
  1. Antworten

    icke

    17. April 2014

    Guter Mann, Sie mögen viel von Wein verstehen aber von Schwarm-Intelligenz wohl eher wenig.
    Also Sie verwenden die Worte „Herde“ und „Schwarm“ synonym.
    Ein unabdingbares Merkmal einer Herde ist ein Anführer.
    Ein unabdingbares Merkmal eines Schwarms ist es, keinen Anführer zu haben.
    Eine Bienenkönigin z.B. ist keine Anführerin. Wer ist der Anführer bei einem Bienenvolk?
    Genau, es gibt keinen.
    Meiner Meinung nach ist Schwarmintelligenz die höchstentwickeltste und erfolgreichste Form des Zusammenwirkens überhaupt.
    Uns Menschen fehlt dafür leider (noch) das Bewusstsein.

    Weiterhin frohes Rumfaseln
    Sylvia

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      17. April 2014

      Liebe Sylvia,
      vielen Dank für die Ermunterung, weiter „rumzufaseln“. Wie Sie unschwer an meinem Beitrag erkennen können, ging es mir nicht darum, Schwärme und Herden voneinander abzugrenzen. Ich habe durch das Buch „Gegen den Schwarm“ einfach nur einen Denkanstoß erhalten. Ich wollte mich einfach nur denjenigen besonders widmen, die aus dem Herdenverhalten der Finanzmarktakteure möglicherweise einen ökonomischen Nutzen ziehen möchten. Dabei ist für mich der Begriff des Herdenverhaltens zunächst auf einen wirtschaftlichen Themenkreis zugeschnitten. Darüber hinaus gibt es in der Literatur zum Herdenverhalten im Zusammenhang mit der Behavioral Finance weder eine durchgängig gültige Definition und bei den Autoren, die Herdenverhalten theoretisch untersuchen, ebenfalls keine einheitliche Begriffsbestimmung. Auch scheint es bislang nach meinem Kenntnisstand für die Behavioral Finance ziemlich unerheblich zu sein, ob die Börsenherde einen Anführer hat. Nicole Freiberg definiert stattdessen sehr schön [1]: „Sowohl Herdenverhalten auch als auch Informationskaskaden werden definiert als Konvergenzverhalten von Individuen unter Vernachlässigung der eigenen Information. Es gibt zwei relevante Bestandteile der Definition: Imitation des Verhaltens anderer Akteure und Nichtberücksichtigung der eigenen privaten Information“. Ich hoffe, etwas Licht in die Angelegenheit gebracht zu haben

      und verbleibe mit den besten Wünschen für ein schönes Osterfest

      Ihr

      Joachim Goldberg

      [1] Vgl. Freiberg, Nicole (2004): Rationales Herdenverhalten: Theorie, Empirie und Lösungsansätze, Würzburg, Univ., Diss., S. 3)

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Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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