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Am Allzeithoch sieht eine Anlage immer gut aus

von Joachim Goldberg am 6. März 2014

Nun sei also die Zahl der direkten und indirekten Aktienbesitzer in Deutschland im Jahr 2013 erneut zurückgegangen, stellte das deutsche Aktieninstitut (DAI) unlängst fest. Damit ist die Zahl der Aktionäre seit dem Jahr 2001, also ein Jahr nachdem seinerzeit noch der Begriff der Aktienkultur hierzulande die Runde machte, von 12,9 Millionen Anlegern um fast ein Drittel gesunken. Danach hatten vor allem Menschen unter 40 Jahren weniger Interesse an Aktien – von den 20 bis 29jährigen besitzt nicht einmal jeder zehnte Aktien oder Aktienfonds. Natürlich könnte man jetzt hadern, das alles sei ja angesichts der nicht abflauen wollenden Skandalmeldungen aus dem Finanzsektor nicht weiter verwunderlich. Das Vertrauen sei einfach futsch, höre ich manchmal im Bekanntenkreis. Aber normalerweise scheren sich viele Menschen nicht um moralische Bedenken, sobald ihnen eine gute Rendite in Aussicht gestellt wird.

Tatsächlich verzeichnete der DAX im Jahr 2013 einen Kursanstieg von 26 Prozent, womit im Nachhinein die Aktie sicherlich als sinnvolle Anlageform geradezu hervorstechen mag. Besonders am Allzeithoch sieht jedes Investment selbst im langjährigen Vergleich gut aus. Allerdings wird dabei gerne vergessen, dass das Gros der Investoren diesen Trend Anfang 2013 (genauso wenig wie im Jahr 2012) eben nicht vorausgesehen und sich über weite Strecken sogar gegen diese positive Entwicklung gestellt hatte. Ganz zu schweigen, welche Erfahrungen Investoren mit den teils massiven Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten während der Finanzkrise in den Jahren 2008 ff. gemacht hatten.

Ich sehe die Dinge auch noch aus einer anderen Perspektive. Während der schwierigen Zeiten für Aktieninvestments haben sich nicht nur immer mehr Menschen vom Aktienmarkt abgewandt. Oftmals sind auch deren Berater in den Zeiten heftiger Kursverluste abgetaucht – wer möchte schon freiwillig mit seinen Kunden Verlustdepots ansehen. Die Folge: Weniger Aktiengeschäft und konsequenterweise erhöhter Kostendruck bei den Kreditinstituten, nicht zuletzt infolge der Krise. Weswegen die Zahl der Berater mit der Zeit stark reduziert werden musste, wodurch für die verbliebenen durchaus anlagewilligen Kunden noch weniger Service und Zeit übrig blieb.

 

Kein Geld für Ausbildung

Auch die Ausbildung der Menschen in Gelddingen ist während der vergangenen Jahre deutlich zurückgegangen. Und zwar nicht nur wegen eines angeblichen Desinteresses der Anleger. Tatsächlich sind die Sparwellen im Bankgewerbe natürlich auch nicht an den Marketingbudgets vorbeigegangen. Wenn man jedoch in der Finanzindustrie einen Kulturwandel glaubhaft vermitteln möchte, gehört dazu auch die Transparenz, seinen Kunden zu erklären, wie die Dinge an den Märkten tatsächlich funktionieren. Wenn ich mir dann jedoch gestern den ausgezeichneten Blogbeitrag von Thomas Knüwer (hier) zu Gemüte führe, das ZDF habe offenbar kein Interesse an Wirtschaftsberichterstattung, ist das die Fortsetzung genau jenes ungesunden Trends.

Interessieren sich Menschen tatsächlich nicht genügend für das, mit dem man Güter und Dienstleistungen bewertet, mithin also für Geld? Wenn das wahr wäre, interessierten sich die Menschen natürlich erst recht nicht für dessen Vermehrung. Ja, Geldangelegenheiten und Aktieninvestments sind für viele komplex und mitunter schwer zu begreifen. Ich kann sogar verstehen, wenn man dafür weder Zeit, Nerven oder gar Geld übrig hat. Von letzterem sollte man dann aber lieber ganz die Finger lassen, denn sonst läuft man Gefahr, für die selbstgewählte Unwissenheit später (und dann oft viel mehr) nachzahlen zu müssen.

Immerhin scheint es noch eine ausreichend große Minderheit der Spezies Mensch zu geben, die sich für die DAX-Stimmung interessiert, vielleicht auch mit dem Motiv, mit Aktien zumindest kein Geld zu verlieren. Für diese Gruppe und für die Börse Frankfurt habe ich (an dieser Stelle) die gestrige Sentiment Erhebung kommentiert.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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