Behavioral Ethics

Fragwürdiger Kulturwandel

von Joachim Goldberg am 2. September 2013

Kaum ein Monat vergeht, in dem nicht irgendein Institut aus der Finanzbranche ins Gerede kommt, in dem keine Fälle von Betrug, Manipulation oder Insiderhandel publik werden. Vor allem die Finanzkrise hat das erschreckende Ausmaß dieser Verfehlungen offenbart: Es müssen viele gewesen sein, die in irgendeiner Weise an vordergründig harmlos erscheinenden Geschäftsvorgängen beteiligt waren, ohne dass sie jemals ein Bewusstsein dafür entwickelt hätten, ethisch nicht korrekt zu handeln. 

Nur selten scheint sich ihr Gewissen gemeldet zu haben, weder als sie etwa bekanntermaßen vor Jahren in den USA Immobilienkredite an Leute vergaben, die sich die Häuser, die sie damit kaufen wollten, niemals hätten leisten können. Noch als sie zusammen mit ihren cleveren Analysten strukturierte Produkte entwickelt und diese anschließend so kompliziert verpackt hatten, dass sie selbst deren Zusammensetzung und mögliche Wirkung nicht mehr überblicken konnten. Auch die Verkäufer dieser Derivate, die um deren explosive Mischung hätten wissen müssen, wurden offenbar in keinem Moment von irgendwelchen Skrupeln befallen, während sie diese hochgefährlichen Produkte mit großem Erfolg in Umlauf brachten. Und wenn die Missetäter dann doch einmal mit den Folgen ihres unethischen Verhaltens durch andere oder ihr eigenes Gewissen konfrontiert wurden, fingen sie sofort an, die eigene Beteiligung an diesen kriminellen Machenschaften herunterzuspielen, nach dem Motto: „Ich habe das Derivat doch nur konstruiert“, oder: „Wenn ich es nicht verkauft hätte, hätte das jemand anderes getan“ oder: „Der Kunde muss doch selbst wissen, was gut für ihn ist.“ In der Soziologie bezeichnet man diesen Vorgang als „Neutralisierungstechnik“, die dem einen Zweck dient, das Selbstkonzept, ein moralisch einwandfreier Mensch zu sein, möglichst intakt zu halten[2].

Und sie alle ließen sich am Ende für ihr Handeln mit fürstlichen Boni belohnen.

Dabei hätten sie doch durchschauen müssen, dass, wenn nicht sie selbst, dann zumindest andere – zum Beispiel ihre Vorgesetzten – sich bei all diesen Geschäften keineswegs moralisch einwandfrei verhielten. Allein schon durch ihre Gewinn- und Zielvorgaben, bei denen jedem von vornherein klar gewesen sein muss, dass diese auf „anständige“ Weise niemals erreicht werden konnten. Wieso hat sich nie jemand darüber gewundert, dass die Gewinnziele jedes Jahr – unabhängig vom jeweiligen ökonomischen Umfeld und Wachstum – um rund 20 bis 30 Prozent erhöht wurden. Hat denn keiner gefragt, zu welchem Preis und auf wessen Kosten?

 

Minderleister und Querulanten?

Aber, Augenblick mal! Vielleicht ist dieses Urteil zu hart. Denn das klingt, als ob es nur im Investmentbanking und dort ausschließlich unethische Menschen geben würde. Vielmehr sollte man nicht vergessen, was man im Aktienmarkt mit dem Begriff Survivorship Bias[3] bezeichnet. Unter den vielen Mitarbeitern, die im Laufe der Jahre aus Banken und Unternehmen ausgeschieden sind, befinden sich sicherlich auch etliche, die ihren Arbeitsplatz aufgegeben haben oder entlassen wurden, gerade weil sie die vorherrschenden Normen als unethisch empfanden und sich ihnen deshalb nicht unterwerfen wollten. Was oft genug für sie bedeutete, dass sie auf Beförderung, Gehaltserhöhung oder einen Bonus verzichten mussten. Häufig wurden sie regelrecht kaltgestellt und von den angepassteren Kollegen gemobbt;  von wichtigen Entscheidungsprozessen hielt man sie fern, mit der Begründung, sie seien Minderleister oder Querulanten. Am Ende bleiben in einem Unternehmen, in dem dieser Prozess eingesetzt hat, von allen Beschäftigen nur die skrupellosesten übrig.

In der Finanzbranche, so lautet das Ergebnis einer Umfrage der New Yorker Anwaltskanzlei Labaton Sucharow, „scheinen viele ihren moralischen Kompass verloren zu haben“[4]. So hatte die Kanzlei 2013 eine Umfrage in Auftrag gegeben, bei der 250 Angestellte aus der Finanzbranche die Geschäftsmoral ihrer Wettbewerber beurteilen sollten. Mehr als die Hälfte der Befragten zeigte sich davon überzeugt davon, dass die Konkurrenz unethisch, wenn nicht illegal agiere. Und knapp ein Viertel der Interviewten ging sogar so weit zu behaupten, dass sich auch Kollegen im eigenen Unternehmen moralisch nicht besser verhielten.

Wenn also fast 30 Prozent der Befragten noch fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise glauben, dass es in der Finanzbranche krimineller Energie bedarf, um erfolgreich zu sein, muss man sich fragen, was es mit dem vielerorts propagierten Kulturwandel im Investmentbanking tatsächlich auf sich hat.

Und als etwa Paul Fisher, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank von England, kürzlich die Vermutung aussprach, es könnte bei den quantitativen Lockerungsprogrammen – also einer Maßnahme zur Bewältigung der Finanzkrise –  im Oktober 2011 zu Manipulationen zulasten der Steuerzahler gekommen sein[5], fiel die Reaktion auf diesen ungeheuerlichen Verdacht eher bescheiden aus. Man kann sich daher des Eindrucks nicht erwehren, dass alles, den skandalträchtigen Schlagzeilen zum Trotz, so weiter geht wie bisher. Zwar ist immer wieder von Ethik die Rede, aber fast immer bleibt es bei Lippenbekenntnissen. Probleme kann man nicht mit demselben Denken lösen, durch das sie erst entstanden sind, hat Albert Einstein einmal gesagt.

Aber auch nicht mit denselben Leuten.

Was aber könnte man tatsächlich tun? Darauf werde ich im nächsten Beitrag eingehen.  

 

 



[1] Dieser Beitrag ist Bestandteil eines in Kürze erscheinenden Aufsatzes „Behavioral Ethics“

 

[2] Sykes, G., and Matza , D.  (1957): ‚Techniques of Neutralisation: A Theory of Delinquency‘,American Sociological Review, Vol 22: 664 – 70

 

[3] Es handelt sich um eine Wahrnehmungsverzerrung, bei der man sich auf diejenigen Menschen oder Dinge zu stark konzentriert, die einen bestimmten Prozess „überlebt“ haben. Dabei werden naturgemäß all diejenigen übersehen, die im Laufe der Zeit ausgeschieden und deswegen nicht mehr sichtbar sein können. Beim Aktienmarkt sind dies etwa Aktien von Unternehmen, die aus einem Index ausgeschieden sind und durch andere Werte ersetzt wurden.

 

[4] Vgl. deren Anwalt Jordan Thomas, FAZ vom 17. Juli 2013

 

[5] Vgl. The Telegraph online vom 16.7.2013: „Bankers ‚tried to manipulate QE‘, says BoE’s Paul Fisher

 

 

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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