Märkte Politik

Gefährliche Illusion

am
29. Mai 2013

Wenn ein japanischer Finanzminister äußert, er beobachte einen Markt sorgfältig, fühle ich mich immer an Zeiten früherer Devisenmarktinterventionen der Bank von Japan (BoJ) erinnert. Zumal die BoJ auf Anweisung des Finanzministeriums aktiv wird. Denn ein derartiger Satz, wie er bezüglich des Bond-Marktes unlängst von Finanzminister Aso geäußert wurde („carefully watching Bond Market moves“), bedeutete in früheren Zeiten immer die erste Stufe einer Intervention, bevor die Zentralbank offiziell aktiv wurde. Sicherlich dürfte die BoJ schon viel früher in den jeweiligen Märkten verdeckt agiert haben, aber ein entsprechendes Wording soll die Akteure daran erinnern, sich nicht gegen die Zentralbank zu stellen, denn dabei könnte man sich womöglich eine blutige Nase holen.

Allerdings frage ich mich, was die BoJ den Finanzmarktakteuren dieses Mal vermitteln will. Da steht auf der einen Seite ein Inflationsziel von 2 Prozent im Raum. Und plötzlich wundert man sich, dass die Marktteilnehmer im Gegensatz zu früheren Zeiten diese Ankündigung im Sinne der so genannten „Abenomics“ (angelehnt an die Wirtschaftspolitik des Premiers Shinzo Abe) ernst nehmen. Es ist aber genau dieses Inflationsziel, das derzeit die Anleihekäufe als Teil der ultraleichten Geldpolitik der Zentralbank konterkariert. Oder glaubt man tatsächlich, die Investoren würden sich angesichts einer drohenden Geldentwertung mit einer Rendite von vormals 30 Basispunkten für zehnjährige Anleihen stillschweigend zufrieden geben, weil man sich auf die BoJ verlassen kann? Nein, das glaubt auch die Bank von Japan nicht. Aber offenbar vollziehen sich solche Anpassungsprozesse im Bondmarkt viel schneller, als das ursprünglich gewünscht gewesen sein mag. Und das ist genau das Problem jedweder Interventionspolitik, vor allen Dingen aber der japanischen: Die richtige Dosierung zu finden.  Am liebsten möchte man in jedem Markt, der sich zu schnell in die „falsche“ Richtung entwickelt – im Jargon der BoJ heißt es dann immer so schön, die Marktpreise müssten die ökonomischen Fundamentals reflektieren, – intervenieren.

 

Hat die Zentralbank wirklich alles unter Kontrolle?

Vielleicht muss man die Worte des BoJ-Chefs Koruda noch viel ernster nehmen, als er unlängst äußerte, japanische Aktien seien nicht überbewertet. Sollte dies etwa ein Hinweis darauf gewesen sein, dass die Zentralbank womöglich auch noch Aktien kaufen werde, um dem Inflationsziel von 2 Prozent Nachdruck zu verleihen? Jetzt bin ich wohl fast ein bisschen zu sarkastisch geworden.

Aber vielleicht gibt es ja auch gar keine Inflation in Japan, denn solange das gedruckte Geld im Bankensystem bleibt und nicht in der Realwirtschaft ankommt, wird sich am Ausgabeverhalten der Verbraucher, die ohnehin durch eine jahrelange Deflation noch gelähmt sein dürften, nicht viel ändern. Natürlich scheint durch die angekündigten Abenomics ein kurzfristiger Ruck durch Japan gegangen zu sein, dass sich jetzt tatsächlich etwas ändern könnte. Aber die Inflation wird immer noch durch den Verbraucher gemacht, der dafür nicht nur gehörigen Optimismus, sondern auch noch mehr Geld in ihren Taschen haben müsste.

Die Abenomics waren zunächst ein psychologischer Erfolg, ein Wahrnehmungserfolg, den vor allen Dingen die Medien beklatscht haben. Das Gefährliche daran ist, dass sie wie die Interventionspolitik der Bank von Japan den Eindruck vermitteln, alles (Inflation, Anleiherenditen, Wechselkurse, Aktienmärkte, Wachstum, Exporte etc.) sei unter Kontrolle. Dummerweise suchen sich derart eingesperrte Finanzmärkte immer ein Ventil, und das mit Vorliebe an der schwächsten Stelle, dort wo es weh tut und wo es langfristig am meisten kostet. Der Ökonom Paul Krugman träumt indes, erfolgreiche Abenomics könnten sogar als Modell für die westliche ökonomische Welt dienen – ein Optimismus, den ich keineswegs teile.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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