Behavioral Living Gesellschaft

Busfahrerin steigt zu früh aus

von Joachim Goldberg am 26. März 2012

Es ist ein paar Tage her, da hatten zwölf Busfahrer aus der englischen Grafschaft Northamptonshire allen Grund zum Feiern. Denn sie hatten beim Mehrländer-Lotto „Euro Millions“ – an diesem Spiel kann man übrigens seit vergangenem Freitag auch in Deutschland teilnehmen – den gut 38 Millionen englische Pfund (rund 45 Millionen Euro) schweren Jackpot geknackt. Eine Geschichte, die eigentlich hier, in diesem Blog, nicht erwähnenswert wäre, hätte nicht sechs Monate zuvor eine Kollegin und Mitspielerin diese Tippgemeinschaft verlassen, weil sie sich als allein erziehende Mutter den Spieleinsatz von zwei englischen Pfund (2,40 Euro) nicht mehr leisten konnte. Angeblich sei sie total pleite, war in der britischen Presse zu lesen. Nach Angaben der „Daily Mail“ verdient Hazel Loveday als Busfahrerin indes 17.000 Pfund im Jahr.

Unwillkürlich erinnerte ich mich an meinen Blog-Beitrag über das Losglück, das über die Bewohner des kleinen spanischen Dorfes Sodeto hereinbrach, allerdings nicht über alle, denn man hatte den zugewanderten griechischen Mitbürger beim Losverkauf versehentlich vergessen. Immerhin konnte sich dieser Unglücksrabe im Gegensatz zu Hazel Loveday damit trösten, dass er seinen entgangenen Gewinn einem anonymen, grausamen Schicksal zuschreiben konnte, das heißt, er konnte den so genannten Locus of Control aus seiner eigenen Verantwortung auslagern und auf eine externe, höhere Macht verschieben. Diese Entlastung wurde unserer armen Busfahrerin leider nicht zuteil, die einen Tag vor dem Riesengewinn ihrer Kollegen auch noch ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Wie sehr muss sie bereut haben, dass sie Wochen zuvor den Ausstieg aus der Tippgemeinschaft beschlossen hatte. Denn es lag ganz allein in ihrer Entscheidung – auch wenn sie total überschuldet war –, ob sie weiterhin bei der Tippgemeinschaft für zwei Pfund in der Woche mitmachen wollte.

So scheinen Tippgemeinschaften tatsächlich etwas Fatales an sich zu haben. Denn die Bindung der einzelnen Mitglieder an solche Gruppen ist meist so stark, dass ein späterer Ausstieg für den einzelnen fast nicht mehr möglich scheint. Tatsächlich wird dieses Commitment sogar von Spiel zu Spiel immer größer und kann lediglich durch kleine Gewinne zwischendurch etwas gemindert werden.

Natürlich können Sie jetzt einwenden, dass es doch sowieso keinen Sinn mache, an einem Spiel mit einem negativen Erwartungswert teilzunehmen. Zumindest hätte so der homo oeconomicus argumentiert, dessen Auffassung sich offenbar auch Hazel Loveday zu eigen gemacht hatte, als sie beschloss, aus der Busfahrerlottotruppe auszusteigen, um die zwei Pfund Wetteinsatz zu sparen oder für etwas anderes auszugeben. Das schien der Sieg einer Rationalität zu sein, die keinen Platz lässt für Träume und schon gar nicht für jene irrige Hoffnung, sich auf einen Schlag aller finanziellen Sorgen entledigen zu können.

Jetzt frage ich mich die ganze Zeit, ob die ehemaligen Tippbrüder wohl bereit sein werden, der lieben Hazel einen kleinen Teil von ihren 38 Millionen Pfund abzugeben, um sie über den entgangenen Gewinn ein klein wenig hinweg zu trösten. Die frisch gebackenen Privatiers und (ehemaligen) Busfahrer wollten das unter Ausschluss der Öffentlichkeit beraten und regeln, war in der Daily Mail zu lesen. Die Zeitung hat übrigens online ihre Leser befragt, ob sie der Meinung seien, dass die Lottogewinner moralisch dazu verpflichtet seien, Frau Loveday an ihrem Reichtum zu beteiligen. Interessanterweise haben nur 34 Prozent der Leser darauf mit „Ja“ geantwortet.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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