Investmententscheidungen Märkte

Ohne Rücksicht auf Verluste

am
1. August 2011

Kaum traute ich meinen Augen, als ich vor ein paar Tagen im ansonsten von mir hoch geschätzten Handelsblatt (Online-Ausgabe vom 25. Juli)  in der Kolumne „Nachgerechnet“ eine Abhandlung über den „Zweifelhaften Nutzen von Stopp-Loss-Orders“ entdeckte. Bekanntermaßen gehe ich in Sachen Verlustbegrenzung keine Kompromisse ein. Deshalb schon hat mich die Botschaft, die die Autorin in geradezu fahrlässiger Weise ihren Lesern vermitteln möchte, nachhaltig verstimmt. Doch nachgerade erschüttert war ich über die Argumentation, mit der diese den Sinn automatischer Verlust-Limits in Frage zu stellen versucht.

Um zu belegen, dass eine systematische Stopp-Loss-Strategie nur wenig Erfolg verspricht, hat Gertrud Hussla als Beispiel einen iShares-Indexfonds, der den DAX abbildet, ausgewählt und dessen Performance über die vergangenen drei Jahre verfolgt. Bei ihrer Analyse wendet sie folgende simple Regel an: Ein Anleger investiert 10.000 Euro in diesen Fonds, wobei unterstellt wird, dass er nach einem Verlust von 15 Prozent aussteigt und am Anfang des folgenden Monats seine Anteile wieder zurückkauft. Das Ergebnis dieser Strategie ist in der Tat eher bescheiden, so dass die Autorin zu dem Schluss gelangt, dass es sinnvoller gewesen wäre, den Indexfonds einmal zu kaufen und ohne Rücksicht auf Verluste bis heute zu halten.

Ich habe mich gefragt, warum Gertrud Hussla ausgerechnet 15 Prozent als Verlustbegrenzung angesetzt hat. Ich habe mich auch gefragt, warum sie für den Ausstieg eine preisabhängige Prozentregel und für den Wiedereinstieg ein zeitabhängiges Datum, nämlich ausgerechnet den Monatsanfang, wählt. Verhält sich so ein Privatanleger? Tatsächlich möchten die meisten Anleger doch erst einmal einen Beweis für eine deutliche Erholung nach einem großen Verlust sehen. Wäre es nicht folgerichtiger gewesen, wenn ein Wiedereinstieg ebenfalls preisabhängig erfolgt wäre, etwa nachdem der Indexfonds wieder 15 Prozent gestiegen wäre? Ganz zu schweigen vom Testzeitraum der Strategie, der mit einer Dauer von drei Jahren und mit ein paar Signalen (die werden im zum Artikel gehörenden Videoclip von der Autorin erläutert) viel zu kurz ist. Außerdem beginnt er ausgerechnet auch noch mit einem außergewöhnlichen Ereignis (Lehman) und einem statistisch nicht gerade alltäglichen Kurssturz. Immerhin betont Frau Hussla mehrfach, dass das Beispiel natürlich willkürlich gewählt sei, um aber sogleich hinzuzufügen, wissenschaftliche Studien kämen zu einem ähnlichen Schluss.  Wobei sie uns leider Titel, Autor, Erscheinungsort und -jahr dieser Studien verschweigt.

Was kann uns dieser Artikel also trotz meiner Bedenken beweisen? Sicherlich nicht, dass Stopp-Loss-Orders von geringem Nutzen sind. Stattdessen hat die Journalistin eindrucksvoll bewiesen, wie wenig sinnvoll die von ihr selbst gewählte Strategie ist. Viel gravierender scheint mir aber, dass auch sie glaubt, mit solch einem “Backtraden“, also mit dem nachträglichen Handeln und Optimieren von Handelssignalen einer bekannten Vergangenheit,  eine gute Strategie für eine unbekannte Zukunft finden zu können – ein Irrglauben, dem auch immer wieder selbst erfahrene Marktteilnehmer erliegen.

Etwas Positives kann die Kolumne am Ende Stopp-Loss-Orders doch noch abgewinnen: Sie beruhigen ungemein die Nerven. Deswegen würde selbst Gertrud Hussla sie „ab und zu vielleicht doch mal nutzen“. Wann, das sollte sich der geneigte Leser oder Anleger am besten selbst aussuchen. Und diese Nonchalance nenne ich konsequent unsystematisch, und ich fürchte: Das kann teuer werden …

SCHLAGWÖRTER
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7 Kommentare
  1. Antworten

    MACDalchow

    1. August 2011

    Ich kann mich dem Autor nur anschliessen, gerade Einsteiger und Privatanleger sollten immer eine gut durchdachte Stopp/Loss Strategie zur Absicherung gegen Verluste, bzw. durch mitziehen des Stopp/Loss, zu Absicherung von gewinnen führen. Weder Verstehe ich wie die „Expertin“ des Handelsblattes zu den von ihr gewählten Kriterien kommt noch was sie damit aussagen will, ausser das ihre Strategie nicht gut durchdacht war. Sollte jemand herraus finden auf welche Studien sich Frau Hussla bezieht würde ich dies gern erfahren, ansonsten kann ich den Wert der Aussagen von Frau Hussla nur als Lückenfüller im Sommerloch einwerten.

  2. Antworten

    sunny

    2. August 2011

    Wenn Sie sonst keine Probleme haben, dann fragen Sie bei Frau Hussla
    direkt nach, auf welche Studie sie sich bezieht und wie sie auf die gewählten Kriterien kommt. Ich bin davon überzeugt, dass Sie ihre Fragen gut beantworten kann.
    hussla@handelsblatt.com
    statt hinter ihrem Rücken herzuziehen. So viel Mumm muss sein.

  3. Antworten

    sunny

    2. August 2011

    Frau Hussla hat am 28.07. unter

    http://www.handelsblatt.com/finanzen/boerse-maerkte/boerse-inside/vom-zweifelhaften-nutzen-der-stop-loss-order/v_detail_tab_comments,4428184.html?pageNumber=2&commentSort=debate

    eine Stellungnahem zu ihrem SL Artikel abgegeben.
    Dort werden einige der Unklarheiten geklärt.

    • Antworten

      Joachim Goldberg

      3. August 2011

      Liebe(r) Sunny,
      so sehr ich Ihre eifrige Teilnahme an unserem Blog schätze: In diesem Fall muss ich Ihnen widersprechen. Tatsächlich habe ich meinen Beitrag als Kommentar beim Handelsblatt in der dafür vorgesehenen Box im Internet am 1. August abgegeben. Leider ist dieser bis jetzt nicht veröffentlicht worden. Ansonsten ist mein Blog-Beitrag per se schon öffentlich, so dass man wohl kaum von einem Hinterm-Rücken-der-Autorin-Herziehen sprechen kann. Außerdem halte ich es für fragwürdig, frei nach dem Allgemeinplatz „wissenschaftliche Studien belegen“ seinen Standpunkt zu untermauern, ohne einen einzigen Urheber solch einer Studie zu benennen. Da habe ich wohl keine Hohlschuld.

      Mehr noch: Die von Ihnen unten erwähnten Stellungnahmen von Frau Hussla sind vor Veröffentlichung meines Blogs abgegeben worden und beantworten (wie Sie selbst unschwer erkennen können) daher nur zu einem geringen Teil meine Einwände und Bedenken.
      Herzlichst
      JG

  4. Antworten

    sunny

    3. August 2011

    Lieber JG,
    verzeihen Sie mir meine Offenheit. Aber in obiger Sache konnten Sie mich nicht überzeugen – solange die Person, über die Sie schreiben nichts davon weiß, ist es egal, ob der Beitrag öffentlich ist oder nicht. Nun gut – dass kann ja jeder anders sehen.
    Gefallen hat mir aber, dass sie dem Handelsbaltt ein Kommentar geschickt haben – nicht traurig sein, mein Kommentar wurde auch nicht veröffentlicht. So ein Sauladen 😉

    Herzliche Grüße

    P.S. Eifrig bin ich nicht – dass würde ganz anders aussehen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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