Investmententscheidungen Märkte

Stopp-Loss-Aversion

von Joachim Goldberg am 10. Mai 2011

Immer wieder bin ich erstaunt, wie viele Händler und andere Akteure an den Finanzmärkten nach wie vor nicht mit einer Verlustbegrenzung arbeiten. Sicherlich ist eine solche als Stopp-Loss oder Risikolimit bezeichnete Marke nicht gerade angenehm und erfreulich, weil sie ja gerade dann in Aktion tritt, wenn der zunächst ungünstigste Punkt innerhalb der laufenden Marktentwicklung erreicht ist. Interessanterweise hört man auch immer genau das als Hauptgrund von Marktteilnehmern, die erklären, warum sie sich solcher Verlustbegrenzungen nicht bedienen wollen. Mit dem Unbehagen, einen Verlust realisieren zu müssen (Verlustaversion), würde man ja noch fertig werden, argumentieren sie. Schlimmer aber wiege in diesem Fall die Angst, dass sich die Kurse im Anschluss an eine durch Stopp-Loss exekutierte Position dann doch noch in die ursprünglich erhoffte Richtung bewegen könnten. Anders ausgedrückt: Zur Verlustaversion würde sich, sofern diese Entwicklung tatsächlich einträte, auch noch das Bedauern (regret) über den schlecht gewählten Ausstieg aus dem Engagement hinzugesellen.

Oftmals spielt uns dabei allerdings auch die eigene Wahrnehmung einen Streich, denn nach einem Verlust wenden sich viele Anleger zunächst einmal von ihrem geliebten Markt ab, womit auch dessen weiterer Kursverlauf ausgeblendet wird. Durch dieses Wegschauen entgeht einem mitunter aber auch die Erleichterung darüber, dass der einst unangenehme Stopp-Loss einen vor noch weit höheren Verlusten bewahrt hat. Aber auch für einen Händler, der jeden Tag im gleichen Markt aktiv ist, mag ein so vermiedener größerer Verlust nicht mehr ins Auge springen.

Häufig höre ich aber auch den Einwand, wer von vornherein mit einer Verlustbegrenzung in den Markt einsteige, müsse ja dermaßen risikoscheu sein, dass er sein Geld doch lieber gleich woanders verdienen solle. Überdies hätte doch die Erfahrung gezeigt, wie überflüssig ein Stopp-Loss im Grunde sei. Und wenn die Dinge wirklich schief liefen, könne man ja noch rechtzeitig mit einem mentalen Stopp im Hinterkopf reagieren.

Abgesehen davon, dass mir bislang niemand von diesen Akteuren sagen konnte, was „rechtzeitig“ genau bedeutet, sprechen zwei psychische Einflussfaktoren ganz sicher gegen eine solche Verhaltensweise. Zum einen erhöhen Verluste, aber auch deren Rechtfertigung gegenüber Dritten, die emotionale Bindung (Commitment) an unsere Entscheidungen, was, wenn der Markt dann tatsächlich weiter gegen einen laufen sollte, den Ausstieg deutlich erschwert. Mindestens genauso gravierend ist jedoch die Tatsache, dass wir uns mit der Zeit an Verluste gewöhnen (Adaption), so dass diese in unserer Wahrnehmung immer kleiner werden, während sie in Wahrheit leider gleich hoch bleiben. Und weil beide Einflussfaktoren so stark sind, wird uns – sofern wir an den Finanzmärkten systematisch Geld verdienen statt verlieren wollen – kaum etwas anderes übrig bleiben, als vor dem Einstieg schon für den Exit vorzusorgen. Unter geringem Commitment sind wir noch diszipliniert genug, um bereits einen Punkt festlegen zu können an dem wir wieder aussteigen, sollte die Fahrt rasant in die falsche Richtung gehen.

SCHLAGWÖRTER

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5 Kommentare
  1. Antworten

    Marc Schmidt

    10. Mai 2011

    Wie sagt man so schön: „Gier schlägt Hirn“, von daher kenne ich niemanden, der mit einem mentalen Stop-Loss erfolgreich arbeitet. Da im Ernstfall erst mühsam eine Verkaufsorder abgegeben werden muss, kann es im Fall der Fälle schon zu spät sein. Große Verluste sind die Folge.

    Ganz und garnicht überrascht war ich jedoch, als ich einem Börsenneuling das System Stop-Loss vorstellte. Der dachte, man könne innerhalb weniger Sekunden alles verlieren und war dank Stop-Loss nun ganz begeistert: „Das heißt, ich kann meine Verluste von vorneherein begrenzen?“ „Ja, das geht.“ Vielleicht kommt das System „Stop Loss“ bei Branchenfremden einfach besser an, weil es dem gesunden Menschenverstand folgt.

  2. Antworten

    Tim

    18. Mai 2011

    Beim berühmten Flash-Crash am 6. Mai 2010 haben US-Anleger mit Stopp-Loss-Aufträgen alt ausgesehen. Ein Großteil Ihrer Aktien sind zu billigsten Kursen aus dem Depot geflogen. Millionen von Anlegergeldern wurden in Sekundenschnelle vernichtet. Ein paar Tage später hatte sich die Börse wieder erholt. http://de.wikipedia.org/wiki/Flash_Crash

  3. Antworten

    Joachim Goldberg

    18. Mai 2011

    Bezüglich des Flash-Crash mögen Sie völlig Recht haben. So etwas war bis dahin zwar undenkbar und ist für uns deswegen auch ganz leicht zu erinnern (selektive Wahrnehmung). Mehr noch: So etwas kann wieder passieren! Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass man bei solchen Ereignissen zum tiefsten Kurs ausgestoppt worden wäre. Bitte vergessen Sie als Finanzmarktprofi aber auch nicht all die anderen Kurs-Abstürze an den Finanzmärkten, die dann weiter nach unten gegangen sind. Man denke nur an die Besitzer von Dotcom- Werten oder die Telekom-Aktie, die es heute noch gibt. Manch einer wäre froh, er hätte damals diszipliniert gehandelt, statt heute noch auf Verlusten von teilweise bis zu 90 Prozent zu sitzen oder gar Totalverluste erlitten zu haben.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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