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26. April 2011

Da prangte es also in großen Lettern vor mir in der Karsamstagsausgabe der Bildzeitung: „Kahn als Schmuggler verurteilt!“ Nicht dass die Torwartlegende Oliver Kahn für mich auch in moralischer Hinsicht als Titan gegolten hätte. Aber für einen Sportsmann habe ich ihn immer gehalten. Und so hat es mich schon gewundert, dass der frühere Keeper von Bayern München am Münchener Flughafen mit einem richtig gut gepackten Koffer voller Edel-Textilien (42 Teile) erwischt wurde, für die 2.119,04 Euro Zoll fällig gewesen sein sollen. Und weil er am Flughafen den „grünen“ Ausgang („Nichts zu verzollen“) gewählt hatte, statt die Waren anzumelden, muss er nun 125.000 Euro Strafe bezahlen. Natürlich kann es einem leicht passieren, dass man statt des roten Durchgangs für anmeldepflichtige Waren das falsche Tor wählt, vor allem wenn man ein so weitgereister und vielbeschäftigter Mann ist wie Herr Kahn. Eine reine Gedankenlosigkeit also, in die dann doch möglicherweise ein klein wenig Kalkül mit einfloss, weil in dem grünen Durchgang aus Kostengründen oft kein Zollbeamter steht, der einen stoppen könnte, so dass man mit seinem vollgepackten Koffer das Tor passiert wie ein unhaltbarer Elfmeterschuss. Vielleicht aber hätte Kahn es auch als unter seiner Würde empfunden, quasi wie ein Ersatztorhüter seine Waren selbst und freiwillig beim Zoll zu deklarieren. So aber erwischte es ihn eiskalt hinter der Torlinie, als er sich schon in Sicherheit wähnte. Der Beamte, der ihn dort stellte, darf sich glücklich schätzen, dass der Titan die Contenance wahrte und ihn nicht anging wie einst manchen Gegner auf dem Fußballplatz. Jedenfalls erwähnt die „Bild“-Zeitung keine körperlichen Blessuren wie Würgemale und Bisswunden auf Seiten der Staatsorgane.  

Für Olli Kahn mag die Kofferladung im Verhältnis zu seinem Jahreseinkommen ein Klacks gewesen sein, so dass er womöglich wirklich nicht auf die Idee gekommen ist, die Kleidungsstücke (10 T-Shirts und 9 Polo-Shirts für den persönlichen Gebrauch halte ich für angemessen) seien zu verzollen. Aber die Geschichte erinnert mich an frühere Zeiten, als ich selbst noch Raucher war, es aber nie verstehen konnte, warum viele Menschen nach dem Urlaub eine extra Stange Zigaretten durch den Zoll schmuggeln mussten. Damals dachte ich, es sei des Nervenkitzels wegen, ob man erwischt würde oder nicht. Heute weiß ich, dass kleine Gewinne von uns besonders stark wahrgenommen werden.  Und unsere Freude ist noch einmal doppelt so groß, wenn wir dem Staat dabei ein Schnippchen schlagen konnten.

Diese Vorliebe für kleine Gewinne kennen wir auch von den Finanzmärkten. Auch dort versuchen wir, dieses positive Erlebnis so oft wie möglich zu wiederholen. Meist unter Verzicht auf eine Verlustbegrenzung. Selbst wenn es das eine Mal, wenn es einen dann eiskalt erwischt, richtig teuer werden kann.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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