Behavioral Living Märkte Wirtschaft

Flucht ins Risiko?

von Joachim Goldberg am 10. Dezember 2010

Gestern las ich in der FTD, die Allianz werde ihre so genannte Überschussbeteiligung für Kunden der klassischen Lebens- und Rentenversicherung auf den Sparanteil der Prämien (etwa 80 Prozent der Prämie) im kommenden Jahr auf 4,1 Prozent senken. Eine Folge der Finanzkrise, weil die Lebensversicherer verständlicherweise für neue Anlagen, etwa in zehnjährige Bundesanleihen, derzeit nicht einmal 3 Prozent Zinsen p. a. bekommen. Sicherlich erzielen die meisten Versicherungsgesellschaften derzeit noch eine höhere Verzinsung aus Anleihen, die sie bereits länger im Bestand halten. Aber diese werden in nächster Zeit peu à peu auslaufen.

Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten äußert dabei zu Recht, die Absenkung der Überschussbeteiligung könnte bei einigen Kunden zu einem „Aha-Erlebnis“ führen. Und er fügt hinzu: „Sie sehen, dass die Altersversorgung nicht mehr das geplante Niveau hat, und können durch andere Investitionen gegensteuern“. Was natürlich für jemanden, der jetzt nicht mehr Geld für die Altersversorgung investieren möchte, im Klartext heißen würde, die Lebens- oder Rentenversicherung kündigen zu müssen, was aber, so auch Thorsten Rudnik, wegen der Hohen Einbußen bei vorzeitiger Auflösung kaum Sinn macht.

Clevere Zeitgenossen könnten aber durchaus auf die Idee kommen, ihre Lebensversicherung einfach stillzulegen und die so gesparten Beiträge anderweitig zu investieren. Wohl wissend, dass mit höheren Erträgen auch bestimmte Risiken eingegangen werden müssen. Risiken, die möglicherweise noch in ferner Zukunft liegen, aber im schlimmsten Fall genau das anrichten, was wir heute um jeden Preis vermeiden wollen: die Minderung unseres Kapitals.

Wer jedoch unterstellt, dass man in Zukunft keine Inflation fürchten muss (was angesichts der teils massiven Sparanstrengungen in Europa nicht völlig aus der Luft gegriffen wäre), braucht sich eigentlich wegen der niedrigeren Überschussbeteiligung der Lebensversicherer nicht wirklich zu grämen. Denn es wird tunlichst übersehen, dass der Zins zumindest teilweise einen Ausgleich für die Geldentwertung darstellen soll, die sich in einem inflationären Umfeld zwangsläufig ins angesparte (Versicherungs)kapital hineinfressen würde[1]. Wenn Geldentwertung jedoch nicht stattfindet, bleibt der Wert des so eingezahlten Kapitals erhalten. Schön, wenn es dann noch eine kleine Überschussbeteiligung gibt.

Am Ende bleibt (wie immer) nur eine Frage zu lösen: Werden wir Inflation oder Deflation bekommen?


[1] Tatsächlich handelt es sich beim eingezahlten Versicherungskapital und den Überschüssen um zwei mentale Konten. Die Überschüsse werden von den Kunden als Gewinn separat wahrgommen, während sich die Versicherungssumme nominal nicht ändert.

SCHLAGWÖRTER

Die dargestellten Analysen, Techniken und Methoden dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen weder eine individuelle Anlageempfehlung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar, sondern spiegeln lediglich die Meinung des Autors wider. Goldberg & Goldberg übernimmt keine Art von Haftung für die Verwendung dieser Kommentare oder deren Inhalt. Die Berichte stellen keine Finanzanalyse im Sinne des § 34b WpHG, Anlageberatung, Anlageempfehlung oder Aufforderung zum Handeln dar. Darüber hinaus verweisen wir auf unseren Disclaimer.

1 Kommentar
  1. Antworten

    Horst Schmidtke

    10. Dezember 2010

    Ich denke noch immer, dass langfristige Sparverträge, Lebens- und Rentenversicherung mit dem Ziel der Vorsorge für das Alter der größte Bluff aller Zeiten ist. Man kann weder eine 30-jährige Anspar- noch eine 20-jährige Verzehrphase hinreichend genau prognostizieren.

    Auch bei „normalen“ Inflationsraten wird das Sparguthaben abzüglich meist recht opulenter Gebühren mehr oder weniger ausradiert. Auch kann man für die kommenden 50 Jahre keine Vorausschau zu Grunde legen, die ebenso „ruhig“ verläuft, wie die vergangenen 50 Jahre.

    Eher wird man sich auf Turbulenzen aller Art einrichten müssen, wobei ein Langfristvertrag wohl eher hinderlich ist.

    Bestes Beispiel ist mal wieder meine 95-jährige Oma, die 1975 in der DDR in Rente ging und dort über eine Zusatzrente ca. 100 DDR-Mark pro Monat auf die kärgliche Mindestrente (ca. 245 DDR-Mark) aufsattelte. Die angesparte Privatrente entsprach somit fast 50 % der Mindestrente. Ab 1990 gab es dann 1:2 umgerubelt 50 DM Privatrente, was nicht einmal mehr 10 % der Mindestrente entsprach. (Oma kassierte ab 1990 eine staatliche Rente >> 3000 DM, so dass der Zuschuss quasi im Rauschen unterging.) Noch besser kam es mit der 2. Währungsreform in 15 Jahren. In euro b´gibt es keine 25.- €/Monat mehr, die nunmehr noch ca. 5 % der HartzIV-Mindestrente entsprechen.

    Was geschah also mit der so schön angesparten und prognostizierten Zusatzrente? Sie wurde inflationiert und quasi ausradiert.

    Das Kaufkraftargument zählt auch nicht, vor 1989 kostete ein Brot 1,04 DDR-Mark. Nach 1990 startete der Brotpreis bei uns mit ca. 2.50 DM. Heute kann man vergleichbare Bäckerware für > 4 € erstehen. Es wurde also nicht nur der reine Zahlenwert zurechtgestutzt. Man bekommt für sein Altersruhegeld quasi auch nichts existentiell wichtiges mehr zu kaufen. Das Argument, dass Computer, CDs, DVDs und Elektronik aller Art deutlich preiswerter und/oder leistungsfähiger zu erstehen sind, zieht für eine 95-Jährige auch nicht wirklich…

    Soviel zum Thema „Altersvorsorge“ aus der ganz flachen Sicht des Ingenieurs. Ich denke, wenn man sehen will, was mit den Beiträgen angestellt wird, ist es ratsam nach München (Alllianz) oder Frankfurt zu fahren, sich zur Feierabendzeit vor einen der Versicherer zu stellen und die mit Beiträgen finanzierten sportiven und noblen Fahrzeuge der Belegschaft zu bewundern. Wer nah am Geld sitzt ist eben doch geneigt, sich das dickste Stück au dem Kuchen heraus zu schneiden und Otto Normalo mit einer Illusion zurück zu lassen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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