von Joachim Goldberg am 5. Dezember 2010

Wetten, dass viele Tageszeitungen Morgen früh damit aufmachen werden? Wetten, dass hochmoralische Talkshow-Runden dieses Thema diskutieren werden? Wetten, dass irgend ein maßgeblicher Mensch Konsequenzen aus diesem tragischen Vorfall fordern wird? Und wetten, dass alle anderen Menschen, die an diesem Wochenende Opfer eines schweren Unfalls wurden, weitaus weniger Anteilnahme erfahren?

Denn sie sind ja nicht im Fernsehen verunglückt, vor den Augen von Millionen Zuschauern. Und ihretwegen wurde ja auch nicht die berühmteste Live-Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens zum ersten Mal in ihrer 29jährigen Geschichte abgebrochen. Samuel K., Kandidat von Thomas Gottschalk in der Show „Wetten, dass …?“, hatte versucht, mit Sprungfedern (Powerboots) an den Füßen, spektakuläre Salti über Autos zu springen, während diese auf ihn zufuhren. Die Crew von “Wetten, dass …?” war sich sicher, dass der 23jährige in der Lage war, diese Aufgabe zu meistern. Und dann, während seines Live-Auftritts im Fernsehen, passiert es: Beim vierten Auto springt er wohl zu kurz ab und liegt einen Bruchteil von Sekunden später reglos auf dem Boden.

Ist Samuel K. ein zu hohes Risiko eingegangen, nur um ins Fernsehen zu kommen? Und hat das ZDF diesen Wett-Kandidaten mit seinem waghalsigen Salto mortale deshalb zugelassen, weil dessen Auftritt Quote versprach? Schließlich lief zur selben Zeit auf RTL „Das Supertalent“. Diese Fragen werden jetzt in den Wohnzimmern und Redaktionsstuben heftig diskutiert. Während Samuel K. nach einer zweieinhalbstündigen Not-OP im künstlichen Koma liegt. Und mit Samuels Schicksal verknüpft scheint auch die Karriere von Thomas Gottschalk. Denn schon wird darüber spekuliert, dass er die Sendung nur dann weiter moderieren wird, wenn der junge Mann am Ende einigermaßen glimpflich davongekommen ist. Das ist ihm wirklich zu wünschen, das Unfall- oder gar Todesrisiko solcher Stunts und Mutproben bleibt aber dennoch unvermindert bestehen.

Und all’ die anderen Verunglückten von diesem zweiten Adventwochenende, die die meisten von uns vermutlich gar nicht wahrgenommen haben? Etwa jene 46 Jahre alte Frau aus Aschaffenburg, die auf einem Fußgängerüberweg von einem Auto bei Rot erfasst und schwer verletzt wurde? Da fordert niemand, das Autofahren zu verbieten. Oder man denke an die Nummer des Großen Russischen Staatscircus’ in Konstanz, bei dem im April dieses Jahres drei Motorradfahrer ineinander gerast waren, an den Zirkusartisten, der vom Trapez gefallen und jetzt querschnittsgelähmt ist oder an den Dompteur, der vor gut einem Jahr in der Manege von drei Tigern zerfleischt worden war. Mir ist nicht bekannt, dass ein großer Zirkus wegen eines derartigen Unfalls jemals geschlossen worden wäre. Oder dass sich die Leute davon abhalten ließen, derlei Veranstaltungen in Zukunft zu besuchen. Wenn Sanktionen für den Zirkus gefordert werden, dann betreffen sie stets nur die Tiere, um deren körperliche Unversehrtheit man sich anscheinend mehr sorgt als um das Wohl der Artisten und Akrobaten. Und die haben immer schon alles und oft auch ihr Leben dafür gegeben, die Lust an Nervenkitzel und Gefahr zu bedienen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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