Märkte Wirtschaft

Unnütze Prognosen

von Joachim Goldberg am 9. September 2010

Immer wieder sind sie gefragt, die Prognosen, wo denn der DAX exakt in einem halben Jahr stehen wird. Schnell ist man mit einem Kursziel von 6.600 Zählern zur Hand. Klingt doch richtig gewagt – oder? Obwohl wir im Grunde genau wissen, dass derlei Vorhersagen fast schon unseriös sind, ist diese Unsitte einfach nicht aus der Welt zu schaffen. Denn exakte Prophezeiungen hinsichtlich Preis und Zeitpunkt werden aus einem Kontrollbedürfnis heraus von vielen Akteuren stark nachgefragt. Besonders beliebt sind sogar Prognosen auf drei oder gar fünf Jahre, die auf Nachfragen auch prompt geliefert werden – eine Diensteifrigkeit, die absolut nicht nachzuvollziehen ist, zumal jeder Finanzmarktprofi weiß, wie schnell solche Äußerungen durch Unvorhergesehenes obsolet werden.

Psychologisch gesehen, sind solch gewagte Prognosen auf das Overconfidence-Phänomen zurückzuführen, das bei Experten besonders ausgeprägt ist, wie Untersuchungen gezeigt haben. Erfahrung und Erfolge aus der Vergangenheit verführen nämlich häufig dazu, statt Prognosebändern punktgenaue Vorhersagen abzugeben und obendrein ihre Treffsicherheit zu überschätzen.

Da klingt es beinahe schon wieder professionell, wenn – wie unlängst geschehen – ein viel gepriesener Ökonomie-Professor  das Risiko einer Double-Dip-Rezession in den USA bei 50 Prozent sieht. Korrekt ausgedrückt heißt dies jedoch, dass unser Experte eigentlich gar keine Meinung hat. Denn dem Risiko von 50 Prozent, dass etwas geschieht, steht bei dieser Betrachtungsweise ja die 50-prozentige Chance gegenüber, dass genau das nicht passiert. Aber keine Meinung zu haben, ist auch eine Meinung. Und die nützt den Investoren allemal mehr, als eine overconfidente Weltuntergangsprognose.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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