Behavioral Living Wirtschaft

Letzte Station Telefonzelle

am
26. Juli 2010

Draughton ist ein kleines verschlafenes Dörfchen in North Yorkshire (GB). Mit 250 Einwohnern ist es vermutlich so klein, dass selbst der einzige Laden im Jahre 2008 seine Pforten schloss, womit die Dorfbewohner von der Versorgung mit Lebensmitteln abgeschnitten waren. Aber Not macht erfinderisch*. Und so erwarb der Gemeindevorstand eine ausgemusterte rote Telefonzelle und funktionierte sie kurzerhand zu einer Abholstation um. Dort konnte ein Krämer aus der nächst größeren Nachbargemeinde telefonisch aus Draughton bestellte Waren des täglichen Bedarfs abstellen. Waren, die per Kreditkarte oder mit der Zeitungsrechnung im Voraus beglichen wurden. Interessanterweise wurde von den für jedermann zugänglichen Einkäufen niemals etwas gestohlen – eine Geschichte also, die heutzutage zu schön klingt um wahr zu sein?

In der Literatur gibt es zahlreiche Beispiele, wo das Gute im Menschen dafür gesorgt hat, dass sich die harte ökonomische Prognose glücklicherweise nicht bewahrheitet – laut der klassischen Theorie hätten sich nämlich die meisten von uns in einer solchen Situation bis zu einem gewissen Grade bereichert. Richard Thaler, einer der Großväter der Behavioral Finance, beschreibt in seinem Buch „The Winner’s Curse“ (Der Fluch des Gewinners), wie Bauern in ländlichen Gebieten frisches Getreide unbewacht am Straßenrand anbieten konnten und das Geld dafür tatsächlich in einer an einem Tisch befestigten Spardose landete. Ja, selbst hierzulande gibt es vergleichbare Beispiele, die ein solches Vertrauen rechtfertigen. Man denke nur an die Blumen zum selber pflücken.

Warum also hatte es eine solche Geschichte bis in die sonntägliche Nachrichtensendung gebracht? Seit den frühen Neunziger Jahren, als Thalers Buch auf den Markt kam, hat sich doch an der Ehrlichkeit der Menschen nicht viel geändert. Aber ein Reporter, der den ganzen Tag über Gier, Selbstsucht und Korruption berichten muss, hat womöglich mit der Zeit einen anderen Referenzpunkt im Kopf. Einen der so weit weg ist, dass eine solche Geschichte erwähnenswert ist.

*Die Story erschien am Wochenende in den BBC Nachrichten

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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