Politik Von der Seitenlinie

RoKos Rückkehr

von Joachim Goldberg am 19. Juli 2010

Mit Ole von Beust hat Kanzlerin Angela Merkel nun ihren sechsten Ministerpräsidenten innerhalb eines Jahres verloren. Aber der aus psychologischer Sicht interessanteste unter ihnen, ist der Dritte in der Reihe, der vor gut zwei Monaten seinen Rückzug von allen politischen Ämtern Valuta Jahresultimo angekündigt hat. Sicherlich können Sie sich denken, von wem die Rede ist. Es handelt sich um Roland Koch, Noch-Ministerpräsident, der sich sicherlich zu Höherem berufen fühlte, als Hessens Geschicke zu lenken. Doch Finanzminister hätte ihm vermutlich auch nicht gereicht. Und das Kanzleramt? Das gibt Frau Merkel bestimmt nicht her. Roland Koch, dem man nachsagt, er könne ohne Politik nicht leben, ist also tatsächlich in die freie Wirtschaft unterwegs. Und wie sich schon nach kurzer Zeit herausstellen sollte, hat er offenbar ein Supertiming gehabt. Besser als viele Börsianer. Die Wahl in Nordrhein-Westfalen war für seine Partei ohnehin gerade verloren, und seither ging es in den Umfragen für die schwarz-gelbe Koalition eigentlich immer nur bergab. Bis zum bisherigen traurigen Tiefpunkt, der Bundespräsidentenwahl in drei Anläufen. Nein, RoKo, wie ihn manche Junge-Unionler ebenso ehrfürchtig wie liebevoll nennen, hatte nicht nur das sinkende Stimmungsschiff rechtzeitig verlassen, er muss auch der Entscheidungsalternative, weiterzumachen, keine Träne nachweinen. Kurzum: Psychologisch gesehen befindet er sich in einer recht angenehmen Situation, da weit und breit kein Argument zu entdecken ist, das ihn seinen Abschied aus der Politik bedauern (Regret) lassen könnte. Vielmehr wartet in der freien Wirtschaft der ein oder andere lukrative Job auf ihn. Ein rundum komfortables  (konsonantes) Erlebnis.

Bereits am vergangenen Wochenende wurden aus der CDU Stimmen laut, Koch solle doch seinen Entschluss noch einmal überdenken. Das wäre wie „Gewinne einstreichen“. „Viel zu früh!“, winkt er aber sofort ab. Zumal sich das Tor zur Macht in den vergangenen Tagen bestenfalls in den Medien ein bisschen geöffnet hat. Recht hätte er jetzt schon mit seinem Rücktritt gehabt – ein mentaler Gewinn, aber zu gering, um die hedonistische Wahrnehmungsschwelle überschreiten zu können.

Und so werden sich die Rufer damit abfinden müssen, dass RoKo noch zwei, drei Mal die Rückkehrwünsche seiner Parteifreunde abweisen wird. Aber selbst wenn die Kanzlerin in höchster Not als größtmögliches Opfer ihren Stuhl für ihn freimachen würde, hätte Koch zwar einen Machtgewinn und das einzige Amt im Staat, das er für sich als angemessen erachtet. Und vielleicht erläge er ja dieser Versuchung. Der maximale mentale Gewinn würde realisiert. Aber wäre er nicht noch viel mächtiger als Drahtzieher in der freien Wirtschaft? Mit dem Recht, sich immer wieder mit erhobenem Zeigefinger in die Tagespolitik einmischen zu dürfen: „Hättet Ihr damals auf mich gehört – Ihr wäret heute besser dran!“ So spricht Einer, der schon immer alles hat kommen sehen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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