Dollar am Morgen Märkte

Euroschwäche und Aktien-Allzeithochs

von Joachim Goldberg am 13. Februar 2020

EUR USD (1,0870)             Vielleicht wäre es an einem anderen Tag weniger aufgefallen, aber in einem fast leeren Datenkalender standen nun ausgerechnet die Zahlen zur Industrieproduktion der Eurozone zur Veröffentlichung an. Es dürfte wohl kaum jemanden überrascht haben, dass der Ausstoß der Industrie im Dezember 2019 gegenüber dem Vormonat enttäuschend ausgefallen war. Aber der Euro war gestern dennoch der Leidtragende unter den Hauptvaluten. Allerdings blieb die Schwächeneigung überschaubar und fällt nur deswegen ins Gewicht, weil sich die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar auf den niedrigsten Stand seit 33 Monaten abgeschwächt hat. Auch gegenüber dem Schweizer Franken markierte der Euro gestern ein neues Dreijahrestief.

Dennoch kann man keinesfalls von Risikoaversion oder gar Fluchtbewegungen in sogenannte sichere Häfen sprechen. Denn gestern zeichnete sich sogar etwas wie ein Hoffnungsschimmer ab, als bei den Zahlen zur Entwicklung der Coronavirus-Infizierten in China der niedrigste prozentuale Anstieg seit dem 30. Januar registriert wurde. Eine Hoffnung, die sich heute früh allerdings als trügerisch erwies. Die Aktienmärkte verzeichneten sozusagen als Zeichen fortgesetzter Risikofreude gestern noch in den USA – und selbst hierzulande der DAX – neue Allzeithochs.

 

Overconfidence

Es war zu erwarten, dass sich bei vielen Akteuren in Reaktion auf sich abflachende Zuwachsraten bei den mit dem Coronavirus infizierten Personen in China nicht nur Gewöhnungseffekte beobachten ließen. Vielmehr scheinen Kommentatoren und Experten mancherorts bereits das Licht am Ende des Tunnels zu sehen und wagten angesichts dieses erhöhten Kontrollgefühls (Overconfidence) sogar die eine oder andere Prognose über die ökonomischen Auswirkungen der Epidemie.

EZB-Chefvolkswirt Philipp Lane, äußerte gestern, er sehe zwar kurzfristig Unsicherheit und negative Folgen für die europäische Wirtschaft voraus, doch könne sich seines Erachtens dieser negative Einfluss über das Jahr gesehen als geringfügig herausstellen. Ganz genau schien es gestern gar der Finanzdienstleister S&P Global zu wissen, der Wachstumseinbußen von 0,1 bis 0,2 Prozent für die Eurozone vorhersagte. Möglicherweise eine zu frühe Prognose, wenn man etwa die heute früh (MEZ) veröffentlichten sprunghaft angestiegenen Zahlen der Coronavirus-Infizierten und -Todesopfer bedenkt.

 

Ungebremste Risikofreude?

Aber diese Vorhersage passt zur Entwicklung an den Aktienmärkten, wo sich zumindest kurzfristige Akteure in fast ungebremst scheinender Risikofreude ergehen. Allerdings ist unter mittelfristig orientierten Investoren eine derartige Euphorie hierzulande überhaupt nicht wahrzunehmen. So ergab etwa eine Stimmungsumfrage der Börse Frankfurt von gestern (vgl. HIER), dass diese Akteure zuletzt sogar leicht bearish eingestellt waren.

Allerdings ist nicht anzunehmen, dass man hierzulande von den Zahlen zur Industrieproduktion in der Eurozone auf dem falschen Fuß erwischt worden wäre. Im Monatsvergleich sank der Ausstoß nur wenig stärker als von den Ökonomen erwartet im Dezember um 2,1 Prozent, aber ein Blick auf das Gesamtjahr 2019 zeigt das eigentliche Problem auf: Der Rückgang betrug nämlich 4,1 Prozent, deutlich schlechter als die Konsensmeinung von -2,5 Prozent. Kurzum: Es besteht zu befürchten, dass nun neben Frankreich und Italien auch Deutschlands Wirtschaft– am Freitag wird die erste Schätzung dazu publiziert – im vierten Quartal geschrumpft ist.

Und so ist es auch kein Wunder, dass der Euro zum siebten Mal hintereinander ein niedrigeres Tagestief gegenüber dem Dollar markierte. War es zu Anfang der vergangenen acht Handelstage, von denen die Gemeinschaftswährung nur einen einzigen mit einem kleinen Plus beendete, noch Dollarstärke, so ist es nun Euroschwäche, die den kurzfristigen Abwärtstrend in Richtung 1,0755/60 befeuert. Eine erste Stabilisierung kann auf der anderen Seite hingegen erst nach Überschreiten von 1,0985/90 erwartet werden.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 5 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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