Dollar am Morgen Märkte

Fed zu wenig im Fokus

von Joachim Goldberg am 2. Dezember 2019

EUR USD (1,1020)             Zumindest am vergangenen Freitag hat es während des für viele US-Akteure verlängerten Thanksgiving-Wochenendes beim Euro gegenüber dem Dollar etwas Bewegung gegeben. Allerdings nichts Richtungsweisendes. Stattdessen haben viele Beobachter die Zeit dafür genutzt, Prognosen, insbesondere für die US-Aktienmärkte, für das nächste Jahr abzugeben. Auch in Hinsicht auf den Euro gibt es teils einander widersprechende Einschätzungen, wobei ich den Eindruck habe, dass die Euro-Bullen (bzw. Dollar-Bären) leicht die Oberhand haben. Zumindest wenn man dem Optionsmarkt Glauben schenkt, wo die Risk-Reversals mit einjähriger Fälligkeit zuletzt angestiegen sind, so dass Euro-Calls gegenüber vergleichbaren Put-Optionen nun etwas teurer sind.

 

Zu wenig beachtet

Auch zum Strategiewechsel der US-Notenbank war während der vergangenen Tage nur gelegentlich etwas von den Kommentatoren zu vernehmen. Nicht nur ich meine zu beobachten, dass die asymmetrische Positionierung der Fed, über die ich bereits HIER und HIER ausführlicher geschrieben habe, von den Devisenhändlern nicht ausreichend beachtet wird. Zur Erinnerung: Fed-Chef Jerome Powell machte in der Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) am 31. Oktober deutlich, dass die US-Kerninflation (gemessen am Index der privaten Verbrauchsausgaben) zwar kurzzeitig das von der Fed angepeilte Ziel von 2 Prozent erreicht habe, dann aber wieder zurückgefallen sei. Und deswegen bedürfe es schon eines deutlichen Anstieges der Inflation, bevor sich die Notenbank darüber ernsthaft Sorgen machen würde.

Aber mit dieser neuen Einstellung wurde auch etwas anderes deutlich. Zwar will die Fed mit weiteren Zinssenkungen derzeit pausieren. Auch müsse sich der Wachstumsausblick deutlich verschlechtern, bevor mit einem weiteren Zinsschritt in diese Richtung zu rechnen sei. Aber das kann natürlich recht schnell gehen, wenn beispielsweise die US-chinesischen Verhandlungen im Handelskonflikt scheitern sollten.

 

Ein neuer Maßstab für das Inflationsziel?

In das gleiche Horn stieß in der vergangenen Woche FOMC-Mitglied Lael Brainard und stellte dabei gleich den kompletten bisherigen Denkansatz der Fed in Sachen Inflationsziel infrage. Sicherlich befinden sich diese Gedanken noch in einem frühen Stadium, aber es scheint in die Richtung zu gehen, dass man womöglich nicht mehr wie bisher von einem einfachen Inflationsziel von 2 Prozent ausgehen kann. Vielmehr ist jetzt die Rede von einem durchschnittlichen Inflationsziel, das es zu erreichen gelte. Mit anderen Worten: Die Inflationsrate müsste in Zukunft über einen längeren Zeitraum hinweg über dem angestrebten Durchschnitt liegen, damit dieser aus heutiger Sicht überhaupt erreicht wird[1]. Wäre dieser Vorschlag bereits vor einigen Jahren umgesetzt worden, hätte es im Jahr 2018 wahrscheinlich keine einzige Zinserhöhung der Fed gegeben, weil der angestrebte Durchschnittswert der Inflationsrate gar nicht erst eingetreten wäre.

Es ist womöglich noch zu früh, von einem Paradigmenwechsel zu sprechen, da die Idee eines durchschnittlichen Inflationsziels noch längst nicht innerhalb des FOMC ausdiskutiert wurde. Auch kann man nicht davon ausgehen, dass es nie mehr eine höhere Inflation geben wird, die sich dann naturgemäß erst mit gehöriger Verzögerung in einem Durchschnittswert niederschlagen würde. Und weil die Fed mit ihrer Leitzinspolitik automatisch hinterherhinken („behind the curve“) würde, stünde sie – ein Szenario, das derzeit von Zinstauben, Aktienliebhabern und im Endeffekt auch von US-Präsident Donald Trump favorisiert würde – einer lockeren Geldpolitik noch offener als zuvor gegenüber. So gesehen ist der Dollar auch mittelfristig noch erstaunlich fest.

Zwar brach am vergangenen Freitag für den Euro ein kleiner Sturm im Wasserglas aus, doch blieb er auf eine Bandbreite von ca. 50 Stellen beschränkt. Allerdings gab es einmal mehr und erwartungsgemäß kein Durchkommen für den Euro an der Unterseite, die nun zu Wochenbeginn noch besser unterstützt scheint. Und oberhalb von 1,1055 könnte man die Gemeinschaftswährung sogar als stabil bezeichnen.

 

[1] Vgl. Rede von Lael Brainard vom 26. November: https://www.federalreserve.gov/newsevents/speech/brainard20191126a.htm

Insbesondere der Abschnitt „Achieving the Inflation Target“

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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