Dollar am Morgen Märkte

Eine wichtige Botschaft

von Joachim Goldberg am 13. September 2019

EUR USD (1,1070)             Gemessen an seiner Handelsbandbreite von etwas mehr als 160 Stellen, absolvierte der Euro gegenüber dem US-Dollar gestern kurstechnisch den ereignisreichsten Handelstag seit dem 2. Januar dieses Jahres. Die damit einhergehende starke Volatilität der Gemeinschaftswährung zeigte, wie schwer sich die Händler damit taten, die gestrige EZB-Ratssitzung einzuordnen. War das, was die EZB beschlossen hat, nun besonders taubenhaft oder doch zu wenig?

 

Die wichtigsten Entscheidungen

Was die Senkung des Einlagenzinssatzes für Banken von -0,4 auf -0,5 Prozent angeht, waren die Erwartungen mancherorts durchaus größer gewesen – eine Senkung von 20 Basispunkten hätte es schon sein können. Die mit der Senkung des Einlagenzinssatzes einhergehende Staffelung war ebenfalls keine Überraschung. Genauso wenig wie die Tatsache, dass der Hauptrefinanzierungssatz bei 0 Prozent belassen wurde.

Die Wiederaufnahme der Anleihekäufe in einer Größenordnung von 20 Mrd. Euro pro Monat lag ebenfalls eher am unteren Ende der Erwartungen – in der vergangenen Woche sprach man mancherorts auch schon einmal von 60 Mrd. Euro. pro Monat. Zudem soll das Kaufprogramm erst am 1. November starten.

Aber auch die sogenannte Forward Guidance, die Steuerung der Markterwartungen, wurde wie vielerorts erwartet geändert: Die Leitzinsen sollen auf dem derzeitigen oder einem niedrigen Niveau bleiben, bis sich die Inflation in Richtung Zielbereich entwickelt. Damit wurde die zeitliche Komponente („über die erste Jahreshälfte 2020 hinweg“) durch eine Bedingung ersetzt.

 

EZB: Fiskalpolitik in der Pflicht

Aber auch die Wachstums- und Inflationsvorhersagen für die Eurozone wurden gesenkt. So erwartet die EZB für das laufende Jahr nur noch eine Inflationsrate von 1,2 gegenüber noch 1,3 Prozent im Juni. Besonders drastisch gestaltet sich die Prognose für das kommende Jahr, für das die EZB nach 1,4 nur noch eine Inflation von 1,0 Prozent erwartet. Auch die Wachstumsvorhersagen sind nun mit einem Plus von 1,1 Prozent für 2019 bzw. 1,2 Prozent für das kommende Jahr 10 bzw. 20 Basispunkte niedriger als noch im Juni.

In der Pressekonferenz machte Mario Draghi schließlich noch einmal deutlich, dass sich die Verlangsamung der Wirtschaft in der Eurozone länger und deutlicher hinziehen würde als ursprünglich erwartet. Gleichzeitig nahm der EZB-Präsident – es dürfte sich wohl um die wichtigste Botschaft des Tages gehandelt haben – auch die Politiker in die Pflicht. Es sei höchste Zeit, (und darüber herrschte klare Einigkeit im EZB-Rat!), dass die Fiskalpolitik angesichts der eingetrübten Konjunktur Verantwortung übernehme. Dabei seien vor allem Länder mit Handlungsspielraum im Haushalt gefordert, so Draghi.

 

Nicht den Erwartungen entsprochen

Die beste Antwort auf die Eingangsfrage, wie die gestrige Sitzung des EZB Rats eingeordnet werden muss, gab gestern wahrscheinlich der Wechselkurs des Euro selbst. Denn dieser reagierte zunächst eigentlich so, wie man es aufgrund der Entscheidungen der Notenbank hätte erwarten können: Er sackte deutlich ab, ohne allerdings das Jahrestief vom 3. September bei rund 1,0925 zu unterbieten. Die darauffolgende starke Erholung der Gemeinschaftswährung zeigte indes, dass die Maßnahmen der EZB wohl nicht als ausreichend eingeschätzt wurden. Nicht zuletzt, weil die Referenzpunkte bzw. Erwartungen vieler Akteure (vgl. dazu meine Ausführungen HIER) insgeheim viel höher gelegen haben dürften.

Die gestrige Entwicklung des Euro legt jedenfalls den Schluss nahe, dass der kurzfristige Abwärtstrend kaum die Kraft haben dürfte, kraftvoll fortgesetzt zu werden. Zumindest nicht aufgrund einer intrinsischen Euro-Schwäche, sondern bestenfalls durch eine relative Dollarstärke. Per Saldo spricht nicht viel dafür, dass das theoretische Potenzial des Abwärtstrends (1,0875/80) auf kurze Sicht tatsächlich noch ausgeschöpft werden kann. Zumal bereits nach Überschreiten von 1,1125 das Abwärts-Szenario weitgehend vom Tisch wäre.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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