Dollar am Morgen Märkte

Der magische Gürtel

von Joachim Goldberg am 9. September 2019

EUR USD (1,1030)             Es gab Zeiten, da war eine gewisse Aktentasche ein wichtiger Indikator dafür, ob der Offenmarktausschuss der US-Notenbank den Leitzins verändern würde oder nicht. Die Rede ist von der Aktentasche Alan Greenspans, Chef der US-Notenbank von 1987 bis 2006. Wurde Alan Greenspan vor einer Notenbanksitzung mit einer eher flachen Aktentasche gesichtet, galt dies ein Zeichen dafür, dass die Notenbanker den Leitzins wahrscheinlich unverändert belassen würden. War Greenspans Aktentasche hingegen prall gefüllt, stand wohl ein Zinsschritt an. Für die dafür notwendigen Begründungen, durch die die Kollegen im Offenmarktausschuss überzeugt werden sollten, sei, so die Logik der Beobachter, natürlich viel Papier nötig.

Jetzt hat auch Fed-Chef Jerome Powell ein Accessoire erhalten, mit dem er auch ohne Worte einen Zinsschritt ankündigen könnte. Es handelt sich dabei um einen metallbeschlagenen Ledergürtel, den Powell anlässlich eines Vortrags am Freitagabend in Zürich vom gastgebenden Swiss Institute of International Studies geschenkt bekommen hat. Dieses ungewöhnliche Geschenk wurde wohl nicht ganz uneigennützig überreicht; vielmehr ist damit wohl die Absicht verbunden, dass der Fed-Chef durch ein Engerschnallen bzw. Lockern des Gürtels seinen Zuhörern eine Art geldpolitische Forward Guidance signalisieren könnte. Was den großen Vorteil bieten würde, sich verbal nicht festlegen zu müssen.

 

Zwischen den Zeilen gelesen

Dummerweise hat Jerome Powell den Gürtel erst im Anschluss an die Veranstaltung überreicht bekommen und diesen deshalb noch nicht öffentlich anlegen können. Und so mussten die Analysten seinen Worten lauschen und zwischen den Zeilen lesen, weil Powell nur allzu gut bekannte Mantras wiederholte. Kurzum: Indem Powell nicht auf die Thematik einging, widersprach er einerseits nicht der Erwartung der Finanzmarktteilnehmer, die von einer Zinssenkung von 25 Basispunkten ausgehen. Und andererseits gab es so auch keinen Hinweis darauf, dass der Zinsschritt vielleicht ja sogar 50 Basispunkte betragen könnte. Kein Wunder, dass die Märkte unbewegt blieben.

Zuvor hatte am Nachmittag der etwas enttäuschende US-Arbeitsmarktberichts vorübergehend für eine leichte Dollarschwäche gesorgt, die allerdings zum Handelsschluss wieder wettgemacht wurde. Und was die implizite Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung von 25 Basispunkten angeht, lohnt ein Blick auf die Berechnung des CME FedWatch Tools, das für einen derartigen Schritt zum Wochenschluss nur noch eine Wahrscheinlichkeit von rund 91 Prozent berechnete. Die übrigen 9 Prozent weisen allerdings nicht auf einen großen Zinsschritt von 50 Basispunkten hin, sondern gelten dafür, dass die US-Notenbank die Zielzone der Fed Funds bei ihrem kommenden Meeting unverändert belässt.

 

Schweigeperiode

Während für die Mitglieder des Offenmarktausschusses (FOMC) nun die Schweigeperiode bis zum Ende der kommenden Sitzung am 18. September begonnen hat, steht in dieser Woche die EZB-Ratssitzung an. Vielerorts wird eine Senkung des Einlagenzinses um 20 Basispunkte und zumindest mit einem kleinen quantitativen Lockerungsprogramm gerechnet. Sollte die EZB die Erwartungen der Marktteilnehmer enttäuschen, indem sie etwa eine Neuauflage des Anleihekaufprogramms erst zu einem späteren Zeitpunkt in Angriff nähme, wird vielfach erwartet, dass sich der Euro in der Folge zumindest vorübergehend leicht befestigen könnte.

Wir gehen allerdings davon aus, dass die Positionierungen der Marktteilnehmer im Euro nach wie vor überschaubar bleiben. Dafür sprechen auch die CFTC-Futures-Positionen (Netto-Positionen „nichtkommerzieller Händler“ an den US-Futures-Märkten). Abgesehen davon, dass man sich darüber streiten kann, ob diese Daten für den globalen Devisenhandel repräsentativ sind, zeigt auch der jüngste Bericht vom vergangenen Freitag, dass es zwar nach wie vor Euro-Shortpositionen gibt. Diese bewegen sich aber seit Anfang Juli in einem recht überschaubaren Rahmen. Überschaubar ist auch der derzeitige kurzfristige Abwärtstrend (1,1085 (1,1145) bis 1,0885/90) des Euro – dieser hat die vergangene Woche sogar mit einem kleinen Wochenplus beschlossen. Überdies befindet sich die Gemeinschaftswährung momentan in einer Korrekturphase, welche mit Unterlaufen von 1,0985/90 allerdings beendet wäre.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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