Dollar am Morgen Märkte

Ein Quantum Euphorie

von Joachim Goldberg am 5. September 2019

EUR USD (1,1030)             Ein Blick auf die gestrige Entwicklung der Aktienmärkte dies- und jenseits des Atlantiks vermittelt den Eindruck, dass die Einschätzung und Beurteilung von Finanzmärkten eigentlich eine ganz einfache Sache ist. Denn für den jüngsten Anstieg der Aktienindices gibt es scheinbar einleuchtende Begründungen. Die Entwicklung in Hongkong, wonach die dortige Regierungschefin Carrie Lam gestern die Rücknahme des umstrittenen Auslieferungsgesetzes bekanntgab, lässt tatsächlich hoffen, dass die Unruhen dort bald vorbei sein werden. Daraus eine verbesserte Ausgangssituation für die US-chinesischen Verhandlungen im Handelskrieg abzuleiten, ist ein bisschen weit hergeholt, mag aber trotzdem noch angehen. Zumal Medienberichten von heute früh zufolge sich nun Anfang Oktober hochrangige Vertreter Chinas und der USA zu erneuten Gesprächen zur Beilegung des Handelskonflikts treffen sollen. Aber deswegen nach all den bisherigen gescheiterten Versuchen euphorisch werden? Indes: Es gibt noch ein weiteres Positivum, das deutlich verringerte Risiko eines sogenannten No-Deal-Brexit.

 

Premierminister Boris Johnson scheitert – vorerst

Fazit der jüngsten Entwicklungen sei es, dass sich die britische Politik in einem totalen Durcheinander befinde, urteilte gestern der von mir so geschätzte John Authers in seinem Kommentar für Bloomberg. Tatsächlich habe sich die Wahrscheinlichkeit für einen Brexit ohne Deal drastisch verringert, aber die Ungewissheit sei nun viel höher, so Authers. Das war gestern Vormittag. Schnelle vorgezogene Neuwahlen vor dem 31. Oktober, wie gestern von Premierminister Boris Johnson beantragt, wird es nun nicht geben, denn die dafür erforderliche Zweidrittelmehrheit wurde gestern Nacht deutlich verfehlt. Johnsons Antrag war eine Reaktion auf das sogenannte „No-No-Deal Gesetz“, welches das Unterhaus zuvor passiert hatte. Aber es gibt ja noch andere Wege zu Neuwahlen.

Und sollte bis zum 19. Oktober mit der EU keine Übereinkunft zum Brexit erzielt worden sein, wird die britische Regierung eine Verschiebung des Brexit-Datums um drei Monate beantragen. Eines ist gewiss: Die Verhandlungen zum Brexit werden sich hinziehen. Mit einer britischen Regierung ohne Mehrheit im Parlament.

 

Taubenhafte Fed-Statements

Es gab gestern aber auch Kommentatoren, die den gestiegenen Optimismus der Finanzmarktakteure auf die zuletzt taubenhaft anmutenden Statements einiger Mitglieder des Offenmarktausschusses der Fed (FOMC) zurückführen. Einer von ihnen, James Bullard (Fed St. Louis), meldete sich aber bereits vorgestern zu Wort und betonte, dass ein aggressiver Zinsschritt der Fed vonnöten sei, um sich gegen die Risiken im US-chinesischen Handelskrieg abzusichern. Bullard, der sich für eine Zinssenkung von 50 Basispunkten stark macht, gilt allerdings im FOMC als Obertaube. Genauso wie Neel Kashkari, der sich gestern ebenfalls zu Wort meldete, aber derzeit im FOMC nicht stimmberechtigt ist.

Aber der Optimismus einiger Kommentatoren speist sich auch aus einem anderen Sachverhalt. Und zwar daher, dass die Rendite zehnjähriger US-Treasuries nunmehr wieder über derjenigen von Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit liegt. Aber kann man tatsächlich davon sprechen, dass sich damit einer der Vorboten für eine Rezession quasi erledigt hat? Ein anderer „Spread“, dem übrigens seit gut einem Jahr wesentlich mehr Aussagekraft zugebilligt wird, der Renditeabstand zwischen zehnjährigen US-Staatsanleihen und dreimonatigen T-Bills, liegt nämlich nach wie vor tief im negativen Bereich. Und betrachtet man die Renditen der zehnjährigen Treasuries für sich allein, hat es gestern noch nicht einmal zu einer nennenswerten Erholung gereicht. Ganz zu schweigen davon, dass das viel beachtete Prognosemodell der Fed von Atlanta, GDPNow, mittlerweile nur noch von einem annualisierten US-Wachstum von real 1,5 Prozent im dritten Quartal ausgeht. Zum Vergleich: Vor zehn Tagen lag diese Prognose noch bei 2,3 Prozent.

Unterdessen hat sich der Euro im Rahmen seines Abwärtstrends (mit theoretischem Potenzial bis 1,0895/00) vergleichsweise ordentlich und nicht ganz unerwartet erholt. Dabei scheinen die derzeitigen korrektiven Kursgewinne noch nicht abgeschlossen zu sein und können möglicherweise sogar den kurzfristigen Abwärtstrend mit Überschreiten von 1,1070/75 zum Erliegen bringen. Das ursprüngliche Abwärtsmomentum würde andererseits derzeit nur unterhalb von 1,0965 wieder aufleben.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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