Dollar am Morgen Märkte

Überzogene Erwartungen an Jackson Hole

von Joachim Goldberg am 23. August 2019

EUR USD (1,1065)             Sie dürfte wohl den Höhepunkt des Notenbank-Symposiums in Jackson Hole darstellen: die Rede von Fed-Chef Jerome Powell, die heute für 16:00 Uhr (MESZ) angesetzt ist. Und die Finanzmarktteilnehmer erwarten alle von Powells Auftritt Hinweise darauf, wie es in den USA geldpolitisch und ökonomisch weitergeht. Auch wenn der Druck auf Powell groß sein dürfte, ist er doch gut beraten, sich nicht allzu sehr festzulegen. Denn die nächste Sitzung der Notenbank ist ohnehin erst für den 17./18. September anberaumt, und bis dahin kann sich noch einiges an der ökonomischen Datenlage ändern. Wahrscheinlich sind die Erwartungen an Powells Rede ohnehin überzogen.

 

US-Einkaufsmanager-Indices enttäuschen

Wie schwierig sich der künftige Kurs der Notenbank gestalten dürfte, offenbarten die vorläufigen US-Einkaufsmanagerindices (Markit), die gestern für August publiziert wurden. Normalerweise ist es nichts Aufsehenerregendes, wenn die Median-Erwartung der Ökonomen wie beim PMI des verarbeitenden Gewerbes um 0,6 Index-Punkte verfehlt wird. Aber wenn die 50er Linie der Umfrage, die Trennlinie zwischen wirtschaftlicher Expansion und Schrumpfung, zum ersten Mal seit September 2009, wie es gestern der Fall war, unterschritten wird, birgt das zumindest für die Kommentatoren viel an Dramatik in sich. Ähnlich, als wenn der Aktienmarkt eine der runden Zahlen überschreitet, die gemeinhin als psychologisch wichtiges Niveau gelten. Und nun war der Einkaufsmanagerindex der Industrie auf 49,9 gefallen!

Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass der Dienstleistungssektor in den USA mit 50,9 gleich mehr als zwei Indexpunkte gegenüber dem Vormonat gefallen sei und somit zur Sorge Anlass gibt. Denn das erhebende Unternehmen Markit leitet aus allem zusammen ein annualisiertes Bruttoinlandsprodukt (BIP) von nur noch 1,5 Prozent ab. Zur Erinnerung: Das viel beachtete Modell der Fed von Atlanta berechnete noch vor ein paar Tagen für das dritte Quartal ein annualisiertes BIP von 2,2 Prozent.

 

Powells Gratwanderung

Jerome Powells Rede ist aber auch deswegen eine Gratwanderung, weil das vorgestern veröffentlichte Protokoll der Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) von Ende Juli keineswegs Einigkeit unter den geldpolitischen Entscheidern zu Tage förderte. Zumindest vermittelte dieses Dokument nicht den Eindruck, man sei im FOMC bereits so weit, dass die Notenbank alsbald eine Serie von Leitzinssenkungen starten wird, auch wenn das von den Finanzmarktteilnehmern mehrheitlich erwartet wird. Nun ist das Protokoll drei Wochen alt, und die Meinungen können sich zwischendurch geändert haben. Dies galt allerdings gestern nicht für zwei Falken des FOMC, Patrick Harker (Fed von Philadelphia, z. Zt. Nicht stimmberechtigt) und Esther George (Kansas City), die von einer Zinssenkung weiterhin nichts wissen wollen.

Am Ende des Tages war es dann auch kein Wunder, dass sich die implizite Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung von 25 Basispunkten im September (vgl. CME FedWatch Tool) von 100 auf rund 89 Prozent verringerte. Auch die Wahrscheinlichkeit für mindestens drei Zinssenkungen à 25 Basispunkte ist gestern deutlich zurückgegangen und beträgt nur noch 27 Prozent – am Dienstag lag sie noch bei mehr als 50 Prozent.

Es gab gestern natürlich auch noch die vorläufigen Einkaufsmanagerindices für die Eurozone zu begutachten, die zwar nicht überzeugten, aber ein ganz klein wenig auf der positiven Seite überraschten. Da die Händler aber ohnehin nur noch einen Kopf für Jackson Hole und möglicherweise auch das G-7-Treffen am Wochenende haben, bewegte sich der Euro auch gestern in überschaubarem Maße. Dessen Befindlichkeit bleibt zwar prinzipiell leicht angeschlagen (theoretisches Potenzial bis 1,0985/90), aber eine Stabilisierung ist auf der anderen Seite ganz schnell möglich, und zwar mit Überschreiten von 1,1140.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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