Dollar am Morgen Märkte

Warum ausgerechnet jetzt ein Trend?

von Joachim Goldberg am 24. Juli 2019

EUR USD (1,1150)             Es sei Zeit, sich auf einen Euro-Trend vorzubereiten, schrieb gestern ein Kommentator. Ein Statement, das man immer dann vernehmen kann, wenn sich der Euro der Untergrenze einer Seitwärtsbewegung annähert. Und ein Trend sei nun einmal jetzt fällig, so die Logik, weil die Seitwärtsbewegung lange genug angehalten habe. Eine Seitwärtsentwicklung, die in diesem Jahr eine Bandbreite von rund 4 Prozent aufweist und damit nicht einmal halb so groß ist wie die bislang geringste Jahresspanne seit Einführung des Euro. Jene Range betrug im ganzen Jahr 2013 nur rund 9 Prozent. Daraus jetzt aber abzuleiten, dass der Euro deswegen zwingend Nachholbedarf habe, erscheint bestenfalls Statistiker zu interessieren. Fakt ist auf jeden Fall, dass seit dem vierten Quartal 2018 alle bisherigen Ansätze der Gemeinschaftswährung zu einem Ausbruch aus den jeweiligen Konsolidierungszonen stets als Fehlentwicklung geendet haben. Zuletzt geschah dies Ende Juni an der Oberseite. Warum sollte es also gerade dieses Mal zu einem nachhaltigen Trend kommen?

 

Kontrasteffekte irritieren

Tatsächlich ist doch die gestrige Abwärtsbewegung nur deswegen aufgefallen, weil sie mit einer Handelsbandbreite von rund 65 Stellen einen starken Kontrast zu dem extrem ruhigen Vortag (rund 20 Stellen) bildete und deshalb besonders auffiel. Absolut betrachtet handelte es sich um einen ganz normalen Handelstag. Mit relativ wenig interessanten Wirtschaftsdaten. Eine Entwicklung, die zumindest hinsichtlich der Argumente für einen schwächeren Euro bzw. festeren Dollar schon tags zuvor hätte einsetzen können. Denn wir wiesen bereits vorgestern darauf hin, dass Kommentatoren vor möglichen ökonomischen Schocks warnten. Und dass die Europäische Zentralbank die Zinsen eher früher als später senken müsse. Psychologisch interessant daran ist allenfalls, dass diese Perspektive den Händlern wohl erst gestern so richtig bewusst geworden ist. Und auch erst allmählich, wie die gestrige Entwicklung der Gemeinschaftswährung vermuten lässt.

Es ist schwer einzuschätzen, wie die Chancen für einen wenigstens kurzfristigen Abwärtstrend des Euro tatsächlich stehen. Denn sollte die EZB bei ihrer morgigen Ratssitzung – wovon wir eher nicht ausgehen – tatsächlich als Sofortmaßnahme den Leitzins senken, um womöglich der US-Notenbank nicht hinterherlaufen zu müssen, wäre zumindest dieser Effekt ziemlich rasch verpufft. Denn die Fed wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der kommenden Woche ebenfalls ihren Leitzins um 25 Basispunkte senken. Argumentativ wäre der Euro, allein aus diesem Blickwinkel betrachtet, nicht nachhaltig unter Druck zu setzen.

 

Positive Überraschungen würden schwerer wiegen als negative

Aber es scheint Marktteilnehmer zu geben, die auf eine negative Überraschung für den Euro setzen, obwohl ein solches Szenario zumindest aus ökonomischer Nachrichtensicht nicht sehr wahrscheinlich ist. Denn eigentlich sollten sich die Akteure schon längst daran gewöhnt haben. Ob die heute zur Veröffentlichung anstehende Schnellschätzung der Einkaufsmanager-Indices als Auslöser taugen? Sollten diese für die Eurozone schwächer als erwartet ausfallen, wäre dies doch keine echte Überraschung. Ein positiver Ausreißer hingegen schon.

Kurzfristig bleibt die Unterseite des Euro ohnehin offen bis auf 1,1110/15, gleichzeitig die Untergrenze einer früheren Konsolidierungszone und das bislang niedrigste Niveau des Jahres. Unterhalb davon würde formal tatsächlich ein kurzfristiger Abwärtstrend eingeleitet, dessen Potenzial derzeit mit 1,1030 zunächst nicht gerade vielversprechend aussieht. Ob es tatsächlich für einen Trend reicht? Es wird schwierig, denn wir würden im Falle eines Versagens von 1,1110/15 den derzeit gültigen Stabilitätspunkt des Euro von nunmehr 1,1265/70 noch einmal tiefer, und zwar auf 1,1230 setzen.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

Da ich morgen noch einmal unterwegs sein werde, erscheint der nächste ausführliche „Dollar am Morgen“ erst am kommenden Freitag.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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