Dollar am Morgen Märkte

Vielstimmiges Fed-Gerede

von Joachim Goldberg am 22. Juli 2019

EUR USD (1,1215)             „Gott sei Dank dürfen sie bis zum Monatsende nicht mehr reden“, wird mancher Marktakteur zum Ende der Handelssitzung am vergangenen Freitag erleichtert gedacht haben. Die Rede ist von diversen Mitgliedern des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC), die noch einmal kurz vor der am Samstag beginnenden Schweigeperiode auf sich aufmerksam gemacht haben. Möglicherweise auch unfreiwillig. Man denke etwa an den Chef der Fed von York, John Williams, der am Donnerstagabend eine Rede bei einem jährlichen Treffen von Zentralbank-Analysten gehalten hatte. Eine Rede, in der es eigentlich um Notenbank-Research der vergangenen beiden Jahrzehnte ging und die mit einem Beispiel aus dem alltäglichen Leben begann.

Es ging um die Impfung von Kindern, darum, dass es besser sei, einen kurzen Schmerz in Kauf zu nehmen, um einen langfristigen, verursacht durch Krankheit, zu vermeiden. Und dieses Bild übertrug Williams auf die derzeitige Geldpolitik: Vorbeugen sei besser als heilen, so die Botschaft. Es mag sein, dass Marktbeobachter die Rede nicht viel weiter verfolgt (HIER zu finden) hatten und sofort daraus schlossen, dass es möglicherweise einen deutlicheren Zinsschritt bei der FOMC-Sitzung am 30./31. Juli geben könnte. Nämlich mehr als die bislang weithin erwarteten 25 Basispunkte.

 

Konzept des Neutralen Zinses

Wer sich die Mühe machte, konnte in Williams Rede auch eine Bemerkung zum sogenannten Neutralen Zins – das ist derjenige Zins, der die Wirtschaft weder bremst noch ankurbelt – finden. Williams zufolge könnte er bei 0,5 Prozent liegen. Also deutlich unter dem derzeitigen Leitzins der Fed. Indes: Niemand weiß allerdings, auf welchem Niveau sich dieser theoretische Zinssatz tatsächlich befindet.

Ähnlich wie Williams äußerte sich auch der stellvertretende Fed-Chef, Richard Clarida, der am selben Nachmittag in einem Interview hervorhob, dass man nicht erst abwarten solle, bis die Dinge so schlecht stünden, dass „eine dramatische Serie“ von Zinssenkungen erforderlich sei.

Die Märkte waren jedenfalls durch die Statements dieser beiden nach Fed-Präsident Jerome Powell wichtigsten FOMC-Mitglieder des Offenmarktausschusses aufgewühlt: Die implizite Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung von 50 Basispunkten schnellte zeitweise (vgl. CME FedWatch-Tool) für Ende Juli auf rund 60 Prozent. Vermutlich auch deswegen sah sich eine Sprecherin der New Yorker Fed – ein durchaus ungewöhnlicher Schritt – genötigt, noch einmal darauf hinzuweisen, dass John Williams Rede akademischer Natur gewesen sei und nicht als Ausblick auf mögliche geldpolitische Aktionen der Fed zu werten sei.

 

Kein Kommunikationsdesaster

Was Kommentatoren danach als Kommunikationsdesaster der Fed bezeichneten, scheint bei halbwegs genauem Lesen von Williams Redetext also übertrieben. Glücklicherweise gab es auch noch andere Fed-Mitglieder, die sich am Freitag kurz vor Toresschluss zu Wort meldeten. Zum einen James Bullard (Fed St. Louis) – wohl eines der taubenhafteste Mitglieder des FOMC –, der sich explizit für eine Zinssenkung von 25, aber keinesfalls für 50 Basispunkte zu Ende des Monats aussprach. Und der Chef der regionalen Fed von Boston, Eric Rosengren, scheint es mit Zinssenkungen als Falke ohnehin nicht eilig zu haben und möchte erst einmal Beweise für einen Wirtschaftsabschwung sehen.

Immerhin hatten sich die Händlergemüter zum Wochenschluss wieder soweit abgekühlt, dass das CME FedWatch- Tool nur noch eine implizite Wahrscheinlichkeit von rund 22 Prozent (also etwa so hoch wie zu Beginn der Woche) für eine Zinssenkung von 50 bzw. immer noch 100 Prozent für 25 Basispunkte. Auswarf. Unterdessen hat auch der Dollar seinen Donnerstagnacht verlorenen Boden wieder wettgemacht und den Euro auf das Eröffnungsniveau des Vortages zurückgestutzt. Dieser hätte sogar noch etwas stärker unter Druck geraten können, machte doch eine Pressemeldung (Spiegel Online) die Runde, wonach EZB-Chef Mario Draghi die umstrittenen Ankäufe von Staatsanleihen bis November wieder aufnehmen möchte. Auch sei eine Senkung des negativen Einlagezinses bereits im September möglich, war zu lesen.

Damit bleibt die Unterseite für den Euro offen bis auf 1,1110, die Untergrenze einer ehemaligen Konsolidierungszone aus diesem Jahr. Stabilität ist nach wie vor erst nach Überschreiten von 1,1325/30 erreicht.   

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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