Dollar am Morgen Märkte

Der Fed den Spiegel vorgehalten

von Joachim Goldberg am 3. Juli 2019

EUR USD (1,1285)             „Zur Zinssenkung gezwungen“ – diese Überschrift prangte gestern zumindest kurzfristig über dem Aufmacher von Spiegel online[1]. Gemeint damit war der Fed-Chef Jerome Powell, der, wenn es um die geldpolitische Linie der US-Notenbank geht, nicht nur nach Ansicht vieler Finanzmarktakteure keine andere Wahl hat, als früher oder später die Zinsen zu senken. Der Beitrag ist insofern bemerkenswert, als er selbst für Kenner der Finanzmarktszene ausgesprochen in die Tiefe geht. Allerdings nicht ohne einen gewissen Hang zum Drama. Abgesehen davon, dass US-Präsident Donald Trump mit aller Macht auf Jerome Powell und seine Entscheider im Offenmarktausschuss der Notenbank (FOMC) massiven Druck ausübt und lediglich wegen des jüngsten Waffenstillstands im Handelskonflikt zwischen den USA und China etwas abgelenkt gewesen sein dürfte, wird in dem Beitrag generell die politische Einflussnahme auf die Fed beklagt. Mittlerweile gehe ein Riss durch das FOMC, ist zu lesen. Und wie gespalten die Geldpolitiker seien, lasse sich „am Dot Plot der Fed ablesen“. Diese Projektionen der Mitglieder des Offenmarktausschusses dürften der großen Mehrheit der Spiegel-Leser wahrscheinlich völlig unbekannt sein, obgleich es sich, so die Autorin, bei diesen anonymisierten Prognosen um eine Art Vorschau der kommenden Zinspolitik handele. Und laut der aktuellen Dot-Plot-Grafik sagen acht von 17 Mitgliedern tatsächlich niedrigere Zinsen in diesem Jahr voraus. Aber, so der Einwand, acht weitere Mitglieder gingen andererseits von gleichbleibenden Leitzinsen aus, ein FOMC-Mitglied erwarte sogar eine Zinserhöhung. Daraus ließe sich der Schluss ziehen, dass in diesem Jahr überhaupt keine Leitzinssenkung anstehe. Das klingt in der Tat dramatisch.

 

Dot-Plots sind keine geldpolitischen Commitments

Abgesehen davon, dass bereits die Prognoseänderung eines der weniger taubenhaften Mitglieder ausreicht, um die geldpolitische Waage in Richtung Zinssenkung zu drücken, haben Fed-Chef Jerome Powell wie auch andere FOMC-Mitglieder immer wieder klargemacht, dass sie die Dot-Plots nicht als Vorhersageinstrument für geldpolitische Entscheidungen sehen. Aber in der Darstellung des Spiegel-Artikels wurde die ganze Situation noch weiter zugespitzt durch den Hinweis, dass Jerome Powell bei der vergangenen Sitzung der Fed im Juni erstmals während seiner Amtszeit als Fed-Chef ein abweichendes Votum habe hinnehmen müssen – wie übrigens seine Vorgänger auch schon. Die Rede ist von James Bullard, der bekanntermaßen gegen die Entscheidung, die Zinsen unverändert zu belassen, votierte. Doch ist es weit gefehlt, darin ein Zerwürfnis im FOMC erkennen zu wollen. Ist es nicht natürlich, dass im FOMC unterschiedliche Meinungen vertreten werden, so wie es Zinstauben und Zinsfalken gibt? Abweichende Voten sind doch gerade ein Hinweis dafür, dass die Notenbanker immer noch versuchen, sich nicht dem Druck des US-Präsidenten, aber auch nicht demjenigen des Marktes zu beugen.

 

Eine EZB-Chefin

Aber nicht nur über die versuchte politische Einflussnahme auf die Fed scheinen sich Kommentatoren Gedanken zu machen. Denn aus informierten Kreisen sickerte gestern durch, dass die derzeitige IWF-Präsidentin Christine Lagarde die neue EZB-Präsidentin werden könne. Eine Meldung, die am Abend bestätigt wurde – durchaus eine Überraschung. Zwar hat Lagarde große Erfahrung als Chefin des IWF. Und ganz besonders als Politikerin.  Doch tauchte gestern die Frage auf, ob die EZB, die ohnehin im Ruf stehe, mit ihren Anleihekäufen Staatsschulden zu finanzieren, mit Lagarde als Chefin nicht weiter politisiert [und damit womöglich an Unabhängigkeit verlieren] werde?

Unterdessen konnte sich der Euro gestern von seinem deutlichen Kursrückgang des Vortages etwas erholen, ohne dabei zuvor das wichtige Niveau von 1,1265 gefährdet zu haben. Denn ein Versagen dieses Nachfragebereichs würde die Unterseite für weitere Kursrückgänge in Richtung 1,1180 oder gar 1,1110 öffnen.

 

Hinweise

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

 

[1] https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/fed-chef-jerome-powell-und-donald-trump-streit-um-baldige-zinssenkung-a-1275384.html

 

 

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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