Dollar am Morgen Märkte

Ein durchgestrichenes Wort verändert alles

von Joachim Goldberg am 24. Juni 2019

EUR USD (1,1365)             Die US-Notenbank streicht das Wort „patient“ aus ihrem Statement und die Finanzmärkte spielten verrückt, bemerkte eine Kommentatorin zum Wochenschluss. Tatsächlich ist vielen Beobachtern vermutlich nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass im Gefolge der Sitzung der US-Notenbank in der vergangenen Woche sowohl die US-Aktien- als auch die Anleihemärkte haussierten. Der S&P 500 Aktien-Index markierte neue Allzeithochs, und die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen fiel zum ersten Mal seit dem Jahr 2016 unter 2 Prozent. Und manch einer wird sich gefragt haben, wie das gut gehen kann, wenn die für Risikofreude stehenden Aktienmärkte und die in Zeiten der Risikoaversion gesuchten Anleihemärkte gleichzeitig so deutlich, wie in der vergangenen Woche geschehen, anziehen. Und sowohl die risikofreudigen Aktienbullen als auch die risikoaversen Käufer von Bonds behaupten jeweils von sich, der andere liege falsch. Aktienfreunde verweisen darauf, dass die Bond-Händler Probleme bekämen, wenn sich herausstellen sollte, dass es womöglich doch keine Rezession gebe. Und Anleihe-Händler halten wiederum die Aktienkäufer für viel zu euphorisch.

 

Gleichzeitig risikofreudig und risikoavers?

Eine Antwort auf dieses Szenario, welches in dieser Form übrigens nicht allzu lange aufrechterhalten werden dürfte, gibt die Juni-Umfrage unter Fondsmanagern von BofA Merrill Lynch, auf die wir HIER bereits einmal eingegangen sind. Diese war zwar bereits zum 13. Juni abgeschlossen, zeigte aber zu diesem Zeitpunkt, dass die Aktieninvestoren so bearish wie zuletzt im März 2009 gewesen waren. Und das, obwohl sich die Aktienmärkte dies- und jenseits des Atlantiks bereits seit Anfang Juni auf dem Weg nach oben befanden. Mit anderen Worten: Die bearishe Positionierung dieser Akteure und die steigende Marktentwicklung verliefen konträr. Eine Marktentwicklung, die später wahrscheinlich zahlreiche Aktienpessimisten zur Aufgabe und somit zu Aktienkäufen zwang.  Kurzum: Die steigenden Aktienmärkte dürfen letztlich nicht als ein Zeichen überbordender Euphorie, sondern müssen als eine Notbremsung schiefliegender Marktteilnehmer gewertet werden.

Ganz anders die Engagements der Anleihehändler, denen BofA Merrill Lynch den höchsten Stand seit September 2011 bescheinigte: Markt und Positionierung verliefen gleichgerichtet, so dass es am vergangenen Freitag nur zu ein paar Gewinnmitnahmen kam. Mit anderen Worten: Die Resultate der Fed-Sitzung der vergangenen Woche mögen gar nicht einmal so marktentscheidend gewesen sein. Viel wichtiger erscheint, wie die Positionierungen der Akteure im Vorfeld gewesen waren.

 

Der „Bond King“ und die 200-Tage-Linie

Zurück zum Dollar. Der hat nämlich gegenüber einem Korb an Währungen, gemessen am Dollar-Index, in der vergangenen Woche um rund 1,3 Prozent nachgegeben. Ein Umstand, der den „Bond King“ Jeffrey Gundlach via Twitter wieder einmal auf dem Plan rief, weil der Greenback auch noch seine 200-Tage-Linie von oben nach unten (für viele Akteure ein klares Verkaufssignal) durchstoßen hatte. Diese Stunde der Wahrheit („moment of truth“), wie Gundlach den Durchbruch der Durchschnittslinie in seinem Tweet bezeichnete, hatte Gundlach im März schon einmal ausgerufen. Damals wie auch bereits zuvor im Januar erwiesen sich ähnliche Signale umgehend als falsch. Aber der fragwürdige Mythos der 200-Tage-Linie, zu dem ich mich HIER einmal ausgiebig ausgelassen hatte, scheint unsterblich zu sein.

Immerhin: Für den Eurokurs zum Dollar gab es bislang in Sachen 200-Tage-Linie noch keine derartigen Signale. Abgesehen vom vergangenen Freitag. Da war es dann auch für die Gemeinschaftswährung so weit. Auch wenn wir dieser Überquerung der 200-Tage-Linie von unten nach oben (landläufig ein Kaufsignal) keine Bedeutung zumessen, hat der Euro zumindest die Obergrenze seiner (verbreiterten) Konsolidierung (1,1110-1,1345) durchstoßen. Ob dieses Mal ein wegweisendes Signal dabei herauskommt? Für einen kurzfristigen Aufwärtstrend hat es bislang zumindest noch nicht gereicht, aber solange sich der Euro oberhalb von 1,1225/30 bewegt, besteht eine gute Chance für weitere Kurssteigerungen in Richtung 1,1435/40.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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