Dollar am Morgen Märkte Politik

Durch nichts zu erschütterndes Vertrauen

von Joachim Goldberg am 17. Juni 2019

EUR USD (1,1220)             Euro-Händler dürften mit einem mulmigen Gefühl ins Wochenende gegangen sein. Aber sollte man sich tatsächlich über einen Tagesverlust von 0,6 Prozent gegenüber dem Dollar aufregen? Ist das nicht vielmehr nur ein Sturm im Wasserglas? Aber man muss eben doch bis zum 24. April zurückgehen, um einen Tagesverlust in ähnlicher Größenordnung zu finden.

Gleichzeitig dürfte vielen Akteuren und Kommentatoren die Sitzung der US-Notenbank am kommenden Dienstag und Mittwoch noch mehr zu denken geben. Vor allen Dingen nach den am Freitag publizierten ökonomischen US-Daten, die kaum Anzeichen für eine bevorstehende Rezession enthielten. Die Einzelhandelsumsätze des Monats Mai waren schon etwas besser als von den meisten Ökonomen erwartet ausgefallen. Aber es waren die teils deutlichen Aufwärtsrevisionen für den Monat April, die positiv überraschten. Und auch die Daten zur US-Industrieproduktion wussten zu überzeugen. Das Resultat: Das vielbeachtete Prognosemodell der Fed von Atlanta, GDPNow, berechnete zum Wochenende ein von 1,4 auf 2,1 Prozent erhöhtes Bruttoinlandsprodukt für das zweite Quartal dieses Jahres.

 

Immun gegen gute Daten

Dennoch haben die Finanzmärkte auf diese Entwicklung praktisch nicht reagiert. Anhand der Fed-Funds-Futures ergibt sich für eine Zinssenkung von mindestens 25 Basispunkten bei der Juli-Sitzung immer noch eine implizite Wahrscheinlichkeit von 87 Prozent – bis zum Jahresende ist ein derartiger Schritt weiterhin zu 99 Prozent eingepreist. Aber auch hinsichtlich mehrerer Zinssenkungen in diesem Jahr scheint das Vertrauen der Marktteilnehmer unerschüttert.

Aber es sind nicht nur die Erwartungen der Finanzmarktteilnehmer, die die Entscheider im Offenmarktausschuss der Notenbank (FOMC) massiv unter Druck setzen. Allen voran machte US-Präsident Donald Trump noch einmal deutlich, was er von der bisherigen Geldpolitik der Fed hält: nämlich nichts. Und der ökonomische Chefberater Donald Trumps, Larry Kudlow, brachte indirekt sogar eine erste Zinssenkung für die Juni-Sitzung ins Spiel. Auch wenn die meisten Marktteilnehmer momentan nicht von einem derartigen Schritt ausgehen, setzt dieses Statement einen unbewussten Anker.

Während sowohl die jüngsten ökonomischen Daten als auch die Entwicklung am US-Aktienmarkt für sich betrachtet noch nicht einmal einen Hinweis auf bevorstehende Zinssenkungen der Fed rechtfertigen, haben die Marktteilnehmer Jerome Powell (und seine Kollegen) bildlich gesprochen in die Ringecke gedrängt. Jene müssen auch noch ihre Einschätzung zur Entwicklung in der US-Handelspolitik bei ihrer Entscheidung am Mittwoch berücksichtigen. Eine Einschätzung, die angesichts eines extrem sprunghaft agierenden Donald Trump erschwert wird. Zumal man sich – dies zeigt etwa die Entwicklung im Handelsstreit mit Mexiko – auf Trumps Zusagen nicht verlassen kann.

 

Ungeliebte DOT-Plots

Wie bereits an anderer Stelle erwähnt (vgl. HIER hier), sind die Erwartungen an die Notenbanker nun extrem hochgesteckt, und auch das Enttäuschungspotenzial bei den Prognosen zur Zinsentwicklung, den sogenannten DOT-Plots der FOMC-Mitglieder, riesengroß. Prognosen, die nur die Meinung der einzelnen Fed-Mitglieder reflektieren sollen, aber dennoch als geldpolitische Wetterkarte von den Marktteilnehmern in ihrer Bedeutung überbewertet werden. So gesehen ist es nachvollziehbar, wenn einzelne Kommentatoren und auch Mitglieder des Offenmarktausschusses die zeitnahe Publikation der DOT-Plots um Wochen verschieben oder gar ganz abschaffen möchten.

Allein der Dollar hat am Freitag gegenüber einem Korb an verschiedenen Valuten (gemessen am Dollar-Index) durch seinen Aufwärtsimpuls verdeutlicht, dass sich das FOMC am 19. Juni womöglich weniger taubenhaft als vielfach erwartet gerieren könnte. Gleichzeitig hat der Euro durch Unterlaufen der Marke von 1,1210/15 am Freitag seine Stabilität verloren – auch wenn es sich nur um Glattstellungen durch risikoscheue kurzfristige Akteure gehandelt haben sollte. Im gleichen Zuge ist ein Test der Unterseite der erweiterten Konsolidierungszone (1,1110-1,1345) wesentlich wahrscheinlicher geworden.

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Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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