Dollar am Morgen Märkte

Sinkflug in Zeitlupe

von Joachim Goldberg am 31. Mai 2019

EUR USD (1,1125)             Es hat schon fast etwas Quälendes, sich den derzeitigen Kursverfall des Euro anzuschauen. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass der gestrige Himmelfahrtstag zu diesem schleppenden Handelsverlauf beigetragen hat. Aber genau genommen hat die Gemeinschaftswährung mehr als drei Tage gebraucht, um gestern einen Kursrückgang von 100 Punkten bis zur Untergrenze ihrer derzeitigen Konsolidierung zu vollziehen. Und wieder einmal ist der Durchbruch nicht gelungen.

Dafür, dass der Sinkflug des Euro in Zeitlupe verläuft, gibt es kaum eine Erklärung; eigentlich müsste er doch viel schneller fallen. Denn zum einen geht die Europäische Zentralbank mittlerweile nahezu sicher davon aus, dass es auch im zweiten Halbjahr 2019 keine Erholung beim Wirtschaftswachstum der Eurozone geben wird. Mit Recht, denn die ökonomische Datenlage vermittelt keineswegs den Eindruck, dass ein Aufbäumen der Wirtschaft unmittelbar bevorstünde.

 

Risiko-Gemenge

Ganz zu schweigen von der unsicheren politischen Situation in Italien, ein Risiko-Gemenge, von dem niemand so recht weiß, wie es aufgelöst werden wird. Der Gradmesser für derartige Risiken, der Renditeabstand zwischen den italienischen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit und vergleichbaren Bundesanleihen, hat sich während der vergangenen beiden Tage jedenfalls nur unwesentlich verringert.

Aber auch die ersten Schätzungen zur Inflation im Mai in Frankreich und Spanien, die am Mittwoch bzw. Donnerstag publiziert wurden, blieben hinter den moderaten Erwartungen der Ökonomen zurück, so dass die entsprechenden Daten der Eurozone, die am kommenden Dienstag zur Veröffentlichung anstehen, eher zu dem Schluss führen dürften, dass es sich bei der schlappen Entwicklung der Konsumentenpreise nicht nur um ein vorübergehendes Phänomen handeln dürfte. Noch ein Argument gegen den Euro also.

Aber dann gibt es ja noch den US-chinesischen Handelskrieg, dessen weitere Eskalation zumindest in der Wahrnehmung vieler Marktteilnehmer Europa mehr schaden soll als den USA.  Nun drohte die chinesische Regierung zuletzt recht unmissverständlich mit einem Stopp des Exports von Seltenen Erden in die USA. Eine Blockade, die zunächst dem US-Hochtechnologiesektor schaden würde. Wie werden die USA reagieren?

 

Ein Brief und eine Drohung

Dass das US-Arsenal hinsichtlich etwaiger Sanktionen und anderer Bestrafungen längst nicht ausgeschöpft ist, zeigt ein Brief der Staatssekretärin Sigal Mandelker, zuständig für Terrorismus und Geldwäsche im US-Finanzministerium. Dieser Brief, auf den sich BNN Bloomberg am Mittwoch berief, wurde bereits am 7. Mai verfasst und befasst sich mit der Zweckgesellschaft Instex. Instex ist eine europäische Organisation, die die US-Sanktionen im Handel mit dem Iran umgehen soll. Denn die meisten europäischen Länder stehen der Entscheidung Donald Trumps, das Atomabkommen mit den Iran aufgekündigt zu haben, kritisch gegenüber.

Der an Instex gerichtete Brief soll eine unmissverständliche Drohung enthalten, wonach für den Fall einer Umgehung der US-Sanktionen mit ernsten Konsequenzen zu rechnen sei. Konsequenzen, die auch für jeden, der Instex nahestehe, gelten sollen, bis hin zu einem Verlust des Zugangs zum US-Finanzsystem. Ob damit auch ein Einfrieren von Dollar-Guthaben der Betroffenen gemeint sein könnte? Auch wenn der Brief wahrscheinlich bei den meisten Akteuren wenig Beachtung gefunden haben dürfte, hinterlässt er einen seltsamen Nachgeschmack (vgl. auch meinen Beitrag zu den langfristigen Kapitalströmen vom 17. Mai HIER).

Dessen ungeachtet bleibt der Euro kurzfristig immer noch innerhalb seiner derzeitigen Konsolidierung zwischen 1,1105/10 und 1,1320/25 gefangen. Dabei ist die Gefahr einer Fehlentwicklung nach einem etwaigen Versagen der Untergrenze des Feldes relativ hoch einzuschätzen: Statt der vielerorts in der Folge erwarteten Wiederaufnahme des Abwärtstrends könnte es im weiteren Verlauf zu einer stärkeren Gegenbewegung des Euro kommen.  

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße ihre Gültigkeit. Diese beträgt für EUR/USD 10 Stellen.

SCHLAGWÖRTER

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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