Dollar am Morgen Märkte

Faustregel als Falle

von Joachim Goldberg am 10. Mai 2019

EUR USD (1,1220)             Faustregeln haben den großen Vorteil, dass sie gerade bei Entscheidungen unter Zeitdruck zu schnellen Ergebnissen führen. Verbunden mit dem Nachteil, dass diese Ergebnisse manchmal nicht genau sind oder sogar in die Irre führen. Genauso eine Faustregel galt bislang auch im Devisenhandel, wenn es um Streitigkeiten im Handelskonflikt zwischen den USA und China ging. Flammten diese auf, zog der US-Dollar gewöhnlich an, und bahnte sich eine Lösung der Streitigkeiten an, geriet der Greenback unter Druck. Diese Faustregel schien zumindest gestern außer Kraft gesetzt zu sein. Zwar konnte sich der Dollar gegenüber dem Euro am Vormittag tatsächlich etwas befestigen. Doch erholte sich die Gemeinschaftswährung wieder – der gestrige Kurssprung am Nachmittag ist ein Indiz dafür, dass ein paar Händler trotz des zu eskalieren drohenden Handelskonflikts auf dem falschen Fuß erwischt worden waren. Eine Faustregel, die sich als Falle erwies. Dies ist vor allen Dingen deswegen bemerkenswert, als der ökonomische Kalender gestern nicht gerade mit bedeutenden oder überraschenden Daten gespickt war.

          Schließlich gab es eine Rede von Fed-Chef Jerome Powell, die im Vorfeld von einigen Marktteilnehmern als „ganz wichtig“ eingestuft wurde. Powell sprach bei der Eröffnung einer Konferenz mit dem Titel „Renewing the Promise of the Middle Class“. Studiert man dabei den Redetext (HIER), wird man schwerlich einen Hinweis auf die Geldpolitik der Notenbank finden.

 

Fragwürdiges Rezessionssignal

Wer jedoch auf der Suche nach Rezessionssignalen gewesen sein sollte, wäre gestern fast fündig geworden. Denn der Renditevorsprung der zehnjährigen US-Staatsanleihen gegenüber T-Bills mit dreimonatiger Laufzeit war zum Ende der europäischen Handelssitzung auf null geschrumpft. Wir erinnern uns: Im März dieses Jahres wurde eine Inversion bei diesen beiden Fälligkeiten – diese wird mancherorts als Vorbote einer Rezession gesehen – beobachtet. Ganz nebenbei bemerkt: Bis zum August vergangenen Jahres schauten die Marktteilnehmer diesbezüglich noch auf den sogenannten Spread zwischen Anleihen mit 10- und 2-jähriger Laufzeit. Und der betrug gestern +20 Basispunkte.    

          Wenn man infolge des US-chinesischen Handelskonflikts mit sinkenden Leitzinsen rechnet, sollte man auf die implizite Wahrscheinlichkeit blicken, die sich für mindestens eine Zinssenkung bis zum Jahresende (vgl. CME FedWatch Tool) seit vergangenen Donnerstag von knapp 50 auf nunmehr 58 Prozent erhöht hat.

          Bei all diesen Argumenten darf jedoch nicht vergessen werden, dass die gestrige Handelsspanne des Euro deshalb relativ groß erscheint, weil sich der Euro in den beiden Wochen zuvor in noch engeren Bahnen bewegt hat. Ein Kontrast, der vermutlich eher technischen Faktoren zuzuschreiben ist und sich letztlich in einem kleinen Sprung des Euro manifestierte. Zumal der kurzfristige Euro-Abwärtstrend (1,1255 bis 1,1060/65) bereits an den Tagen zuvor fast zum Erliegen gekommen und die Oberseite immer noch etwas durchlässiger ist. Daran änderte bislang auch die Anhebung der Sonderzölle auf China-Importe seitens der USA im Volumen von 200 Mrd. USD von 10 auf 25 Prozent nichts. Die Regelung trat heute früh um 6 Uhr ME(S)Z in Kraft, nachdem bei den US-chinesischen Handelsgesprächen kein Durchbruch erzielt worden war. Letztere sollen heute immerhin fortgesetzt werden.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße Ihre Gültigkeit. Diese beträgt

für EUR/USD 10 Stellen

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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