Dollar am Morgen

Fed zeigt sich (noch) nicht wirklich taubenhaft

von Joachim Goldberg am 2. Mai 2019

EUR USD (1,1200)             Obgleich sich in Zeiten normaler Volatilität kaum jemand über eine Euro-Erholung von rund 155 Stellen innerhalb von knapp vier Handelstagen aufregen würde, zeigten sich Kommentatoren bis gestern Mittag doch auffallend optimistisch. Europas ökonomische Erholung im ersten Quartal dieses Jahres zeige im Nachhinein, dass die abwartende Haltung von EZB-Präsident Mario Draghi richtig gewesen sei, war zu lesen. Tatsächlich ist das Wachstum in der Eurozone im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal vorläufigen Berechnungen zufolge mit +0,4 Prozent nicht nur etwas stärker als von den Ökonomen erwartet, sondern auch noch doppelt so hoch wie im Vorquartal ausgefallen. Wie man aus kleinen Zahlen so viel Positives herauslesen kann!

          Und wenn man noch die erste Schätzung zur Inflation in Deutschland hinzunimmt, die im April mit 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr nicht nur die Median-Erwartung der Ökonomen deutlich übertraf, war zumindest der vergangene Dienstag ein guter Tag für den Euro. Oder ist die gute deutsche Inflationszahl doch nur dem Osterfest geschuldet? Dieser in einigen Kommentaren geäußerte Einwand klingt fast so, als ob die Ökonomen bei ihren Prognosen die Ausgabefreudigkeit des deutschen Konsumenten an hohen Feiertagen unterschätzt hätten.

 

Sicher nicht nach Trumps Geschmack

Das „main event“ des gestrigen Handelstages war indes die zum Abschluss gekommene Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC). Wie vielerorts erwartet hat dieser die Fed Funds einstimmig bei 2,25 – 2,5 Prozent belassen und sich wahrscheinlich auch wegen der gegensätzlichen ökonomischen Signale weiterhin „geduldig“ gezeigt. Denn das Wachstum – das Statement der Fed bezeichnet dieses als solide – bleibt stark, während die Inflation, auch die Kernrate, auf 12- Monats-Basis gesunken ist. Die langfristigen Inflationserwartungen seien aber wenig verändert, hieß es. Allerdings ist es der Fed nicht entgangen, dass sich sowohl der Verbrauch der privaten Haushalte als auch die Investitionstätigkeit der Unternehmen während des ersten Quartals verlangsamt haben. Darüber hinaus wurde die Senkung des Satzes für Überschusseinlagen von Banken auf 2,35 (zuvor: 2,40) Prozent beschlossen, ein technischer Schritt, um einem etwaigen Anstieg der Fed Funds Rate entgegenzuwirken.

          In einer ersten Reaktion gab der Dollar nochmals etwas nach und hievte den Euro bis 1,1265, also nicht allzu weit entfernt von der Obergrenze seines kurzfristigen Abwärtstrends bei 1,1275/80. Allerdings konnte der Greenback schlagartig zulegen, nachdem Fed-Chef Jerome Powell während der Pressekonferenz im Anschluss an die Notenbanksitzung für viele Akteure überraschenderweise deutlich machte, dass die niedrige Inflation des ersten Quartals möglicherweise nur ein vorübergehendes Phänomen sei. Tatsächlich sieht Powell derzeit keinen gewichtigen Grund, sich [bezüglich der Zinsen] in die eine oder andere Richtung zu bewegen. Damit zeigt sich Powell längst nicht so taubenhaft wie von vielen Marktteilnehmern erwartet. Und stellt sich damit gleichzeitig gegen den Wunsch von US-Präsident Donald Trump, die Zinsen deutlich zu senken. Ob der Dollar deswegen nachhaltig zulegen und den Euro wieder stärker unter Druck setzen wird, dürfte sich unterhalb von 1,1170 herausstellen. Dann wäre die fast viertägige korrektive Erholungsphase beendet, und das Abwärtsmomentum mit Potenzial bis 1,1045/50 würde wiederbelebt.

 

Hinweis

Alle genannten Preisniveaus verlieren ab einer bestimmten Durchstoßgröße Ihre Gültigkeit. Diese beträgt

für EUR/USD 10 Stellen.

 

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Joachim Goldberg
Frankfurt am Main

Seit rund 40 Jahren beschäftigt sich Joachim Goldberg mit dem Zusammenspiel von Menschen und Märkten. Bis heute faszinieren ihn die vielen Facetten, Nuancen, Geschichten, Analysen und Hintergründe, die sich in der weißgezackten Linie auf der großen Börsenkurstafel niederschlagen. Aber erst mit der Entdeckung der psychologischen Einflüsse auf die Finanzmärkte meint der studierte Bankfachwirt und frühere Devisenhändler dem, was die Welt der Finanzen antreibt und bewegt, nahe gekommen zu sein.

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